Internationaler Finanzmarkt
Die Erholung schreitet langsamer voran
Von Hanno Mußler28. Juni 2009
Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 waren die Marktteilnehmer stets gefordert. Auf die Verschärfung der Finanzkrise mit ausgetrockneten Märkten und scharfen Kurseinbrüchen folgte an Aktien-, Rohstoff- und Kreditmärkten spätestens seit März eine rasante Rally. Seit etwa drei Wochen aber scheint nun etwas Ruhe an einigen Märkten einzukehren.
Ein Indiz dafür ist, dass in dieser Woche das Volumen an Neuemissionen europäischer Staatsanleihen mit 16 Milliarden Euro deutlich unter dem diesjährigen Wochendurchschnitt von 23 Milliarden Euro liegen wird. Zudem werden im Euro-Raum Staatsanleihen im Volumen von 14 Milliarden Euro zurückgezahlt. Insofern sollte es der für das Schuldenmanagement des Bundes zuständigen Finanzagentur nicht allzu schwer fallen, am Mittwoch die bis Juli 2019 laufende Bundesanleihe wie geplant um 6 Milliarden Euro aufzustocken. Die Rendite ist seit ihrem Anfang Juni erreichten Jahreshoch von 3,75 Prozent auf 3,39 Prozent zurückgefallen. Die Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit sollte Anlegern aber hinreichend attraktiv erscheinen, auch weil sich der Renditeabstand zu Bundesschatzbriefen ausgeweitet hat.
EZB verursacht Liquiditätsschwemme
Schatzbriefe mit zwei Jahren Laufzeit werfen 1,32 Prozent ab. Damit hat sich die Rendite dem im Februar markierten Jahrestief von 1,17 Prozent stark angenähert. Dies hat mit einer von der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgelösten Liquiditätsschwemme zu tun. Die EZB teilte Geschäftsbanken in der vergangenen Woche erstmals Geld für 12 Monate zum Satz von nur einem Prozent zu. Die Nachfrage nach dem Tender, die voll befriedigt wurde, übertraf mit 442 Milliarden Euro die Erwartungen bei weitem. 143 Milliarden Euro parken Banken seither "über Nacht“ in der Einlagefazilität, für die ihnen die EZB nur 0,25 Prozent vergütet. Auch für Tagesgeld zahlen sich Banken untereinander nur 0,25 bis 0,55 Prozent Zins. Vor dem Tender waren 0,7 bis 0,8 Prozent unter Banken üblich, bei der EZB wurden nur 7 Milliarden Euro geparkt. Wollen die Banken nicht permanent Minus-Geschäfte machen, müssen sie Geld in längere Laufzeiten umschichten und werden tendenziell die Renditen drücken.
Dank der EZB haben Banken viel Liquidität. Erste Stimmen glauben, dass schon im Jahr 2010 keine Bankanleihen mit Staatsgarantien mehr begeben werden müssen und stattdessen wie vor der Krise Pfandbriefe reibungslos plaziert werden. Den Leitzins von einem Prozent wird die EZB an diesem Donnerstag, anders als etwa durch die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung (OECD) gefordert, nicht weiter senken. Die EZB wird aber Pläne zum Kauf von 60 Milliarden Euro gedeckter Schuldverschreibungen konkretisieren. Damit könnte sie tatsächlich den Pfandbriefmarkt beleben. An der Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen aber dürfte es dennoch zunehmend fehlen, weil viele Banken wenig Eigenkapital als Puffer für künftige Kreditausfälle haben.
Erholung des Junk-Bond-Markts intakt
In Amerika sind mehr Unternehmen als in Europa gewohnt, zur Aufnahme von Fremdkapital die Börse statt den Bankkredit zu nutzen. Allerdings ist für Firmen schlechter Bonität ("Junk“) der Kapitalmarkt erst seit April wieder offen. Trotz der an anderen Kreditmärkten seit drei Wochen laufenden Korrektur ist die Erholung des Junk-Bond-Markts intakt. Am Donnerstag gelang es XM Satellite und Univision, Unternehmen mit einem Rating von lediglich "B“ und "B-“, jeweils gut 500 Millionen Dollar gegen einen Renditeaufschlag zu Staatsanleihen von kaum mehr als 10 Prozentpunkten aufzunehmen. In Großbritannien plazierte der Einzelhändler Tesco vor kurzem das erste mit Hypotheken besicherte Wertpapier (CMBS) seit der Krise. Die 430 Millionen Pfund schwere Emission wurde mit einem Aufschlag von 3,3 Prozentpunkten zu Staatsanleihen untergebracht. Und im Euro-Raum gab es im Juni eine Flut neuer Wandelanleihen.
An Eigenkapital zu kommen bleibt indes schwierig. Den größten Börsengang in diesem Jahr gab es am Freitag in Brasilien. Der Kreditkartendienstleister Visanet sammelte 3,1 Milliarden Euro Kapital ein. Der brasilianische Aktienindex Bovespa hat seit Jahresanfang 37 Prozent zugelegt. Andere Aktienindizes vollziehen nach dem steilen Anstieg seit Mitte März eine oft in ruhigen Bahnen verlaufende Korrektur. Der amerikanische S&P-500 hat nach sechs Wochen ununterbrochen steigenden Kursen in den folgenden zehn Wochen nur drei Wochen mit Abschlägen erlebt. In der vergangenen Woche trat der S&P-500 auf der Stelle, der die Schwankungen messende Vix-Index fiel auf ein Jahrestief. Einen deutlichen Rücksetzer um 20 Prozent auf das Niveau von Mitte Mai erlebte im Juni der russische RTS. Auch der Ölpreis korrigiert nach seinem Anstieg auf zeitweise 73 Dollar.
Die OECD macht Hoffnung
Ermutigend stimmt, dass die OECD der Weltwirtschaft nun in 2010 ein Wachstum von 0,7 Prozent zutraut, nachdem sie noch im März ein Minus von 0,5 Prozent prognostiziert hatte. Außer in der Schweiz und Japan haben in vielen Ländern Sorgen vor einer durch Deflation ausgelösten weiteren Abwärtsspirale abgenommen. Die in Tschechien und Südafrika erwarteten Leitzinssenkungen blieben in der vergangenen Woche aus, was durchaus als Zeichen wirtschaftlicher Stärke dieser Länder gelten kann.
Noch aber herrscht keine Normalität. Keine Zentralbank zeigt das besser als die Schweizer Notenbank (SNB). Mit ihren jetzt bis zum 31. Oktober verlängerten wöchentlichen Devisenswapgeschäften setzt die SNB die Zentralbanken Polens und Ungarns in die Lage, Schweizer Franken an lokale Geschäftsbanken weiterreichen zu können. Und mit ihren Interventionen am Devisenmarkt zu Lasten des Franken, die nicht länger nur in Euro-, sondern auch in Dollar-Käufen ihren Niederschlag finden, verfolgt die SNB einen besonders orthodoxen, aber zunehmend erfolgreichen Kurs: Der Franken hat in der vergangenen Woche deutlich auf Kurse von zeitweise mehr als 1,54 Franken je Euro abgewertet. Die SNB stemmt sich einem unerwünschten Aufwertungsdruck aus Osteuropa entgegen. Schuldner müssen dort, wenn sie die oft in Franken aufgenommenen Kredite zurückzahlen, Franken kaufen. Für alle sichtbar hat die SNB nun aber bei Kursen von 1,50 Franken je Euro eine Aufwertungsgrenze eingezogen.
F.A.Z.
F.A.Z.-Kai
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