Megha Mittal übernimmt Escada
„Sie wird unsere Frontfrau sein“
Von Brigitte Koch und Rüdiger KöhnMegha Mittal
06. November 2009
Megha Mittal ist Freitagmorgen um 9 Uhr nicht in einem Kleid der Marke Escada vor die rund 450 Mitarbeiter des Modeunternehmens getreten. Noch nicht. Denn nach ihrer zehn Minuten dauernden Rede bewegte sich die 33 Jahre alte Dame mit Ausstrahlung vom Foyer der Zentrale in Aschheim nahe München in den benachbarten Schauraum, wo die neue Kollektion ausgestellt ist. Megha Mittal, Mitglied einer der reichsten Familien der Welt, hat eingekauft und soll Zehntausende ausgegeben haben; für Kleider, für Accessoires.
Bruno Sälzer, Vorstandschef der fast untergegangenen Escada AG und künftiger Chef des Nachfolgeunternehmens, ist begeistert gewesen; nicht nur wegen der Kauforgie und wegen der damit empfundenen Bestätigung seines Modekonzeptes. "Es ist kein Musskauf, sondern ein Wunschkauf gewesen“, sagt er. Sälzer weiß vor allem, dass die Schwiegertochter des Stahlmagnaten Lakshmi Mittal für die Marke Escada sehr viel bewegen kann.
"Es gibt kein idealeres Gesicht für Escada"
Die attraktive Inderin mit langem schwarzen Haar und den dunklen Augen hat Format, Aura und Eleganz – und das Zeug, zur Repräsentantin von Escada zu werden. Sälzer bringt es auf den Punkt: "Es gibt kein idealeres Gesicht für Escada.“ Und er geht weiter: "Sie wird unsere Frontfrau sein.“
Megha Mittal könnte der ramponierten Marke neuen Glanz verleihen, den viele Kundinnen in aller Welt lange Zeit vermisst haben. Wenngleich sie mehr für die Zahlen als für das Kreative stehen wird, tut besonders in der schillernden Welt der Mode ein Absender mit klarer Aussage sehr gut. Das sehr beliebig gewordene Unternehmen könnte durch sie neues Profil erhalten. Die 1992 verstorbene Schwedin Margareta Ley, Mitbegründerin des Münchener Modekonzerns, war so eine Schlüsselfigur. An ihre Erfolge konnte Escada nie mehr anknüpfen. Der Stil von Escada trifft den Geschmack von Megha Mittal, wie ihr Outfit bei einem Abendempfang anlässlich des diesjährigen Weltwirtschaftsgipfels in Davos verrät. Sie bewegt sich auf internationalem Parkett und könnte dem Export zugutekommen. So hat sie am Freitag auch ihre Mission bekundet. Die Frau, smart und durchsetzungsfähig, bringt sich ganz in ihr erstes Investment in der Modebranche ein. Soweit möglich, will sie die Marke über Promotion und Marketing nach vorne bringen. Chef des Ganzen bleibt aber Sälzer. Daran will sie keinen Zweifel lassen.
Megha Mittal, die 1998 Aditya Mittal – Sohn von Lakshmi Mittal – heiratete und zwei junge Töchter hat, ist damit alles andere als eine passive Investorin. Schon gar nicht liebt sie große öffentliche Auftritte, wie es in dieser Glamourbranche üblich ist. Sie ist öffentlich wenig präsent, auch nicht in den Klatschspalten der Presse von London, wo sie lebt. Sie scheut aber auch nicht die Öffentlichkeit. Ihr ist bewusst, dass sie nun vor allem in Deutschland angesichts ihres Engagements bei Escada durch die bunte Medienwelt gezogen wird? Das nimmt Megha Mittal in Kauf. Denn nach 15 Monaten Suche hat sie endlich ihr Ziel erreicht, nämlich ein Modeunternehmen zu erwerben. Ein Anlauf mit der italienischen Gianfranco Ferre war bereits gescheitert.
Die Industriellenfamilie pflegt den luxuriösen Lebensstil
Schon als Kind entwickelte sie für Mode ihre Leidenschaft. Die Eltern besaßen mit der 1964 gegründeten GTN einen Hersteller von Wolle. Von der Mittal-Familie hat sie volle Rückendeckung, für die Megha Mittal als Direktorin einen Teil des Vermögens im Mittal Family Office verwaltet. Lakshmi Mittal kam Donnerstagabend nach München und hat sich mit Sohn und Schwiegertochter die Hauptverwaltung zeigen lassen. Bruno Sälzer hat die Lichter angemacht und die neuen Eigentümer eine Stunde lang durchs Haus geführt.
Wie ernst es Megha Mittal gewesen ist, zeigt ihre Präsenz in der Endphase eines erbittert ausgetragenen Bietergefechts. Die ganze Woche war sie in München und hat Gespräche geführt. Als am Mittwoch um 14 Uhr die Frist für die Abgabe eines endgültigen Angebot abgelaufen war, erschien sie persönlich, um einen verschlossenen Umschlag abzugeben. Sie selbst hat verhandelt. In der Wharton Business School im amerikanischen Pennsylvania studierte sie Finanzen und strategisches Management, arbeitete im Unternehmen ihrer Eltern und fing später bei Goldman Sachs als Investment-Analystin an. Ihre progressive Arbeitsethik hat sie nicht nur von ihrer Mutter. Auch in der Familie von Lakshmi Mittal, der es aus kleinen Anfängen zum größten Stahlbaron der Welt gebracht hat, haben nicht nur die Männer einen Sinn für Unternehmungen.
Der Weg vom Stahl zur Seide ist nicht abwegig. Die Industriellenfamilie Mittal pflegt den luxuriösen Lebensstil. Als Aditya und Megha ihre viertägige glamouröse Mammuthochzeit in Kalkutta feierte, rief das prunkvolle Fest Proteste linksgerichteter Gruppen hervor. In London residiert die Familie in bester Wohnlage vis à vis des Kensington-Palastes in Nachbarschaft des Sultans von Brunei und der saudischen Königsfamilie in einem der teuersten Privathäuser der Stadt. Dorthin werden nun ihre Kleider geliefert. Megha Mittal ist bei Escada schon assimiliert: Sie erhält einen Mitarbeiterrabatt.
F.A.Z.
dpa
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