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Hamburger Rotlicht-Szene
Prügel für Albaner-Toni
Von Stefan Tillmann
Tatort Hamburg-Pöseldorf: Vor dem Lokal „Hännchenkeller” ging es Sadri L. an den Kragen
 
03. November 2009
Das Blut auf dem Asphalt ist weg, es hat viel geregnet in den vergangenen Tagen. Die schmale weiße Tür des "Hähnchenkellers" liegt neun Stufen hinunter, sie ist verriegelt. Der Wirt Franz Schubert will nichts gesehen haben und auch nicht darüber sprechen. Im "Hähnchenkeller" treffen sich "Künstler, Promis, Individualisten", sagt der Siebzigjährige. Öffnungszeiten normalerweise: Mittwoch bis Samstag, 22 Uhr bis "open end".
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Es hat geknallt am vergangenen Wochenende in der Freien und Hansestadt Hamburg. Eine Schlägerei am Sonntagmorgen um 7.20 Uhr. Der Streit begann unten im Lokal. Die beiden Kontrahenten gingen raus, hoch auf die Straße. Ein Messer, vier Fäuste und ungezählte Fußtritte. Bis einer blutend liegen blieb. Die Polizei spricht von einem "unglücklichen Zusammentreffen". Doch es war nicht irgendjemand, der dort lag - das wissen sie, die Polizei und auch der Wirt Schubert. Deshalb sind sie jetzt so nervös und wortkarg.
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"Albaner-Toni", ein König vom Kiez
Das Opfer heißt Sadri L., besser bekannt als "Albaner-Toni", ein König vom Kiez. Jener Mann, der Mitte November das größte Bordell Hamburgs eröffnen will, ein Sechs-Millionen-Euro-Investment von sechs Rotlichtgrößen. 10.000 Quadratmeter mit Saunen, Pool und mehr als hundert Frauen. Die Tageskarte soll siebzig Euro kosten, Snacks, Buffet, Softdrinks, Sauna- und Poolbenutzung inklusive; Sex kostet extra. Der Pate vom Straßenstrich an der Süderstraße will etwas Seriöses machen. "Babylon" ist offiziell ein "Hotel- und Wellnesscenter mit bordellartigem Betrieb".
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Jetzt liegt Sadri L. mit einer schweren Kopfverletzung und Gehirnblutung im Universitätsklinikum Eppendorf. Sein Kontrahent war nach der Schlägerei mit einer Handverletzung im Krankenhaus erschienen, möglicherweise die Folge eines Messerstichs. Nach der Erstversorgung schickte ihn der Arzt in ein anderes Krankenhaus, dort warten sie heute noch auf ihn.
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Mittlerweile ist man vorsichtiger
Das Landeskriminalamt ermittelt - und meinte zunächst, dass die Tat mit dem Milieu nichts zu tun habe. Ein Ermittler der Abteilung "Organisierte Kriminalität" sagte Anfang der Woche der "Hamburger Morgenpost": "Albaner-Toni hat 25 Jahre im bleihaltigen Hamburger Milieu überlebt. Dass er nun beinahe bei einer simplen Kneipen-Prügelei umkommt - das hat schon fast etwas Tragisches."
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Mittlerweile ist man vorsichtiger. Eine Sprecherin sagt den Standardsatz "von jeglichen Richtungen", in die ermittelt werde, fügt aber hinzu: "Das gilt in dem Fall besonders."
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Es sieht aus nach einem neuen Akt im Drama um "Albaner-Toni". Ein Drama um Prostitution und Schießereien, um Menschen, die sich "Kölner Klaus", "Türken-Musa", "Muffel" T. oder "Bimbo" nennen. Letzterer ist offizieller Geschäftsführer des "Babylon". Der Einundsechzigjährige heißt eigentlich Manfred N., den Spitznamen verdankt er angeblich seiner Schwäche für dunkelhäutige Frauen.
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"Ich wollte ihm eine Lektion erteilen"
"Albaner-Toni" ist heute fünfzig Jahre alt. Vor 25 Jahren stieg er ins Hamburger Milieu ein und später zu einer Größe auf - als einer der ersten Ausländer der Szene. 1990 schoss ihm Klaus K., genannt "Kölner Klaus", im Bordell "Sabrina" mit einem Revolver in den Bauch. "Ich wollte ihm eine Lektion erteilen", sagte Klaus K. vor Gericht. Sadri L. hatte ihn zuvor niedergeschlagen. Klaus K. bekam zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe. Danach soll "Albaner-Toni" einen hohen fünfstelligen Betrag an Schmerzensgeld gezahlt haben, um seinen Geschäften unbeschadet nachgehen zu können. Und während der Rivale Klaus K. 1994 an Aids starb, wurde Sadri L. immer ehrgeiziger: Er beteiligte sich am "Dollhouse", an der "Großen Freiheit" und am "Laufhaus" an der Reeperbahn. Zudem beherrschte er in den neunziger Jahren den Straßenstrich an der Süderstraße. Sadri L. war gefürchtet für seine Skrupellosigkeit.
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Doch die Geschäfte im Milieu laufen heute längst nicht mehr so gut. Viele potentielle Kunden bleiben wegen des Sex-Angebots im Internet zu Hause. In Hamburg schaffen zurzeit rund 2400 Frauen in Laufhäusern, Clubs, an Straßenstrichs und in den etwa 350 "Modellwohnungen" an. Sie machten 2008 einen Umsatz von rund 87 Millionen Euro. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Prostituierten und der Umsätze noch doppelt so hoch. Es gibt Menschen, für die sind das keine guten Nachrichten.
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Die Dornenhecke wuchert über den Zaun
Sadri L. hat jetzt wieder investiert, in die Süderstraße, dort, wo er immer der Chef war. Und wo Hamburg noch ein bisschen grauer ist als sonst - neben Baustoffhandel, Reifendiensten, Speditionen und TÜV Hanse. Die Straße endet in einer kleinen Siedlung, kleine eckige Häuser, ein Mehrgenerationenhaus mit Seniorentreff und Mutterfrühstück. Ans Schwarze Brett hat der Stadtteilpolizist seine Durchwahl geschrieben. Und am Ende der Sackgasse steht "Mandy's Nagelstudio". Ein paar hundert Meter entfernt soll das "Babylon" eröffnen, Hausnummer 236. Der lachsfarbene, zweigeschossige Gewerbehof sieht noch nicht so aus, als würde er bald mehr als hundert Prostituierten Platz bieten. Die "VBH Vereinigter Baubeschlag Handel Nord GmbH" hat immer noch nicht ihr Schild abmontiert, und auf der anderen Seite des Hofs ist der "Segro Elektrofachgroßhandel" verwaist. Die Dornenhecke wuchert über den Zaun. Drinnen sollen die drei Saunen, zwei Massagesalons und der Pool bereits startklar sein, die Zimmer eingerichtet im antiken Stil.
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Die Investition ist ein Wagnis. Seit Jahren gibt es einen Kampf um den kleiner werdenden Markt: Albaner, Türken und die Rocker von den "Hells Angels", die um das Jahr 2000 den Kiez eroberten. "Albaner-Toni" verbündete sich mit den "Hells Angels". Doch es bleibt ein Gegenspieler, der ihm das Geschäft streitig machen will und vielleicht auch sein Leben.
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Die haben kein Herz, kein Hirn und keine Eier
Musa A. hatte sich Mitte der neunziger Jahre mit großer Brutalität im Rotlicht-Milieu einen Namen gemacht, hieß fortan "Türken-Musa". Seine Bande nannte sich "Gangster GmbH", wohl in Anlehnung an das erste große Zuhälterkartell auf der Reeperbahn, das vor mehr als dreißig Jahren bis zu 120 Zuhälter kontrollierte. GMBH - dieses Kürzel stand damals für Gerd, Mischa, Beatle und Harry.
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In den Neunzigern verkaufte "Türken-Musa" seine Bordellanteile an "Albaner-Toni". Sie handelten eine Gewinnbeteiligung aus. Musa A. kümmerte sich lieber um Warenterminbetrug. Dafür wurde er verhaftet und 2003 in die Türkei abgeschoben. Als er vor zwei Jahren für eine Operation wiederkam, verlangte er sein Geld. "Ich will 1,5 Millionen von diesen Ziegenhirten. Die haben kein Herz, kein Hirn und keine Eier. Ihre Zeit ist abgelaufen", sagte er damals. Doch Sadri L. hatte in der Zeit längst die Macht übernommen und wurde immer selbstbewusster. So heiratete er 2005 in den berüchtigten Osmani-Clan ein. Die Hochzeitsgesellschaft hatte immerhin den Ballsaal des "Hotel Atlantic" gemietet.
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Es folgten mehrere Schießereien, unter anderem mit Maschinengewehren an der Tankstelle an der Süderstraße. Zuletzt schoss ein Unbekannter auf einen Türsteher, der von Musas Lager zu Sadri L. gewechselt sein soll.
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Die Betreiber denken schon an Expansion
Musa A. sitzt seit Sommer dieses Jahres wieder im Gefängnis, verurteilt zu zwei Jahren wegen Menschenhandels und Verstoßes gegen das Waffengesetz. Doch Ruhe ist noch lange nicht in Sicht. Noch weiß niemand, ob die Schlägerei vom Wochenende der Anfang vom Ende war, der Beginn eines neuen Kriegs. Oder ob der Täter gar nicht wusste, wen er da niederschlug. Der "Hähnchenkeller" ist bei der Polizei "schon lange nicht mehr auffällig" gewesen. 2001 noch nahm die Polizei den damaligen Wirt fest, weil er die Gäste in rauhen Mengen mit Kokain versorgt haben soll.
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Manfred N., Rufname "Bimbo", hat jedenfalls der "Hamburger Morgenpost" gesagt, dass man das "Babylon" Mitte November eröffnen werde - "definitiv". Die Betreiber denken schon an Expansion. Im kommenden Jahr wollen sie nebenan ein Fitness- und Beautystudio eröffnen, wo jetzt noch die drei Rolltore der Firma "Segro" heruntergelassen sind und eine schmutzige weiße Fahne weht. Fürs Erste herrscht gespenstische Ruhe im Milieu. Im Nordosten Hamburgs, am Bruno-Georges-Platz, ermittelt die Polizei. Im Südosten an der Süderstraße steht eine einzige Prostituierte am Bordstein. Mit Regenschirm und Minirock wartet sie auf Autofahrer und Trucker und fürchtet die neue Konkurrenz in ihrem Rücken. Und im schicken Pöseldorf an der Außenalster möchte Franz Schubert in seinem "Hähnchenkeller" seine Ruhe. Im Internet schreibt ein Gast, der mit "seinen Mädels" nach einer Party dort "gerne bis in die Morgenstunden" feiert: "Franz ist wie ein Papa, der uns sofort beschützt, wenn jemand mal zu zudringlich wird!"
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F.A.S.
 
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