Internet-Dienst TMZ.com
Angriff der Online-Paparazzi
Von Katja GelinskyHarvey Levin und sein Team berichten auf TMZ.com intensiv über Prominente und Politiker
03. November 2009
Der Vorfall war eigentlich banal: Handytelefonat am Steuer. Ein Verstoß gegen die kalifornischen Straßenverkehrsvorschriften - aber wer hält sich schon an das Handyverbot? Maria Shriver jedenfalls nicht. Das war denn auch der "Scoop", die Exklusivnachricht, mit der TMZ seine klatsch- und tratschhungrige Leserschaft fütterte. Gleich dreimal telefonierte die kalifornische First Lady mit dem Handy, während sie in ihrem schwarzen Luxus-SUV herumfuhr. Fotos und eine Videoaufnahme auf der Internetklatschseite TMZ bewiesen es. Die Paparazzi hatten ganze Arbeit geleistet. Für die Bloßstellung der kalifornischen First Lady wurde Klatschboss und TMZ-Chef Harvey Levin vor kurzem mit einer persönlich adressierten Twitter-Meldung von Gouverneur Arnold Schwarzenegger belohnt. "Vielen Dank, dass Sie mich auf ihre Verstöße aufmerksam gemacht haben, Harvey Levin. Es werden rasch Taten folgen", twitterte Action-Arnold. Das hinderte Levin nicht, seine Prominentenjäger weiter auf die Gouverneursgattin zu hetzen. Wieder mit Erfolg. Das jüngste Stück in seiner Trophäensammlung ist ein Bild von Shrivers Wagen im Parkverbot.
Man muss im Boulevardjournalismus schon eine beachtliche Nummer sein, damit einer der bekanntesten amerikanischen Politiker sich persönlich dafür bedankt, dass seine eigene Ehefrau als notorische Verkehrssünderin vorgeführt wird. Die erfolgreiche Hatz auf Prominente hat Harvey Levin an die Spitze seiner anrüchigen Branche gebracht. Bis zu zehn Millionen Sensationshungrige schauen monatlich bei TMZ nach, was es Neues in der Celebrity-Szene gibt. "Sie kriegen eine Soap Opera mit Folgen in Echtzeit zu sehen", beschreibt Levin das Konzept. "Lindsay Lohan und Paris Hilton gehen wirklich fast jeden Abend aus. Anstatt auf eine verpackte Version zu warten, sieht man (bei TMZ), wie sich die Rohfassung entfaltet."
Das klappt nur mit den richtigen Quellen
Die "Rohfassung", das sind Bilder, Videoaufnahmen und Kopien von Akten, die Levin und seine Mannschaft ständig ins Netz stellen. Eine Mischung aus investigativem Journalismus, wie ihn die Website "The Smoking Gun" betreibt, und dem Ausspähen von Promis ähnlich dem Internetstalking auf "gawker.com". Dazu setzt TMZ auf Tempo. Als deutsche Zeitungen die Story über Maria Shrivers Parksünde aufgriffen, war die Episode für Levin und sein Team längst kalter Kaffee. Stattdessen dominierte - mal wieder - Michael Jackson.
Mit dem Tode Jacksons erreichte TMZs Jagd nach Informationen in Echtzeit einen makabren Höhepunkt. Am 25. Juni um 2.20 Uhr (Ortszeit) schockierte die Internetseite mit der Schlagzeile "Michael Jackson stirbt" - sechs Minuten vor dem Todeszeitpunkt, den die Gerichtsmedizin später nannte. Bis die großen Fernsehsender wie CNN den Herzstillstand des Popsängers bestätigen konnten, vergingen noch fast drei Stunden. Spätestens der "Jackson-Scoop" hat Levin zu den Anführern im amerikanischen Klatschgeschäft gemacht. Auch seriöse Blätter wie die "Washington Post" und die "New York Times" zitieren TMZ mittlerweile. "Harvey Levin ist (der Zauberer von) Oz", meinte ein Fernsehkommentator halb bewundernd, halb argwöhnisch. Was also ist das Geheimnis von TMZ? Harte Arbeit und traditionelles journalistisches Handwerk, behauptet der TMZ-Boss. "Wir benutzen dieselben Techniken, die man benutzen würde, um über Präsident Obama zu berichten. Du bekommt einen Tipp, spürst ihm nach, findest heraus, ob das wahr ist . . . , und veröffentlichst es." Das klappt natürlich nur mit Hilfe der richtigen Quellen. Im Fall Jackson scheint Levin überall Informanten gehabt zu haben: im Krankenhaus, unter den Rettungssanitätern und selbst im Jackson-Clan. "Wir sind in dieser Stadt total vernetzt", rühmt sich Levin seiner Kontakte in Los Angeles. Nicht ohne Grund ist TMZ nach der sogenannten Thirty Mile Zone benannt, die in den sechziger Jahren das Herzstück des amerikanischen Entertainment bildete. Doch längst hat Levin seine Leute auch an anderen Promi-Orten. Selbst an den Treffpunkten der Machthaber in Washington schleichen angeblich schon TMZ-Späher herum.
Seine Karriere begann mit Rechtskolumnen
Levins Kernmannschaft besteht aus kaum mehr als zwei Dutzend Journalisten, Fotografen und Internetredakteuren. Aber dazu kommt das Heer derer, die unaufgefordert skandalträchtige Bilder, Videoaufnahmen, Tonbandmitschnitte und Kopien schicken. Manches, was angeschleppt wird, ist selbst dem "Sultan des Schmierenjournalismus" zu heikel. Als Levin eine E-Mail zum Mord an einem Mädchen in Florida bekam, alarmierte er die Polizei. Auch auf die Veröffentlichung angeblich schockierender Details über Michael Jacksons fragwürdige Beziehungen zu Minderjährigen verzichtete der TMZ-Boss lieber, als herauskam, dass die Akten offenbar gestohlen waren. Schließlich ist Levin nicht nur Klatschprofi, sondern auch Jurist. Er studierte Rechtswissenschaften an der renommierten University of Chicago und hielt sogar einige Jahre Vorlesungen.
Seine journalistische Karriere begann er mit Rechtskolumnen für die "Los Angeles Times". Später arbeitete Levin als Gerichtsreporter für den Rundfunk. Bevor er TMZ zum Flaggschiff des Internetboulevards machte, produzierte und moderierte er diverse Fernsehsendungen mit juristischem Anstrich. Seit zwei Jahren ist er wieder im Fernsehen zu sehen. Als Moderator von "TMZ on TV", dem Pendant zum Klatsch im Internet; finanziert wird beides vom Mutterkonzern Time Warner. Rivalen behaupten, erst der Scheckbuchjournalismus, den Levin mit dem finanzkräftigen Medienriesen im Rücken betreibe, habe dem TMZ-Boss seine zahlreichen Exklusivmeldungen beschert. Für ein Foto der übel zugerichteten Popsängerin Rihanna nach einem Streit mit ihrem damaligen Freund Chris Brown zahlte Levin angeblich mehr als 62 000 Dollar. Eine Tonbandaufnahme von dem bizarren Überfall O.J. Simpsons auf Memorabiliensammler in Las Vegas soll TMZ sogar 165 000 Dollar wert gewesen sein. Levin spricht vornehm von "Tipp-Honoraren", die er für Hinweise auf Storys zahle. Dass auch Polizisten und Sanitäter Scheine bekommen, bestreitet er.
Das Echo war gewaltig
Zu Levins Geschäftsprinzipien gehört es, Informanten rigoros zu schützen. Die Prügel für ihre Enthüllungen bezieht der TMZ-Boss lieber selbst. Levin sei ein "Dreckskerl übelster Sorte", keifte das frühere Topmodel Janice Dickinson. Das ist noch harmlos, verglichen mit dem, was Alec Baldwin zu Levin einfällt. Ein "menschlicher Tumor" sei der TMZ-Chef, sagt der Hollywoodstar angewidert. Ein "schamloser Kerl", dem es "fast sexuelle Befriedigung verschafft, das Leben anderer Leute zu ruinieren". Der Schauspieler spricht aus eigener peinlicher Erfahrung: Vor zwei Jahren konnte alle Welt bei TMZ hören, wie Baldwin seine elf Jahre alte Tochter Ireland auf dem Anrufbeantworter als "ungezogenes, gedankenloses kleines Schwein" beschimpfte. Bekannt geworden war Baldwins Tirade durch einen Mitschnitt der Anrufbeantworter-Aufnahme, den jemand TMZ zugespielt hatte. Vermutlich ein Racheakt von Mutter Kim Basinger. Denn auch die Oscar-Gewinnerin bekam ihr Fett weg. Als "pain in the ass" - "unglaubliche Nervensäge" hatte der Hollywoodstar seine Exfrau auf dem Anrufbeantworter bezeichnet.
Levin verteidigt seine kompromittierenden Schnüffeleien als "authentische und amüsante" Art, über Prominente zu berichten. "Wir machen keine Hofberichterstattung", brüstet er sich. Viel zu lange hätten die Medien sich den Presseagenten in Hollywood gefügt. "Bis wir kamen!" Einer der ersten "Scoops", mit denen Levin die Stars und die Konkurrenz das Fürchten lehrte, war die Mel-Gibson-Geschichte. Der "Braveheart"- Darsteller war im Sommer 2006 in der Nähe von Malibu betrunken in eine Polizeikontrolle geraten. Herr Gibson habe sich "ohne Zwischenfall" festnehmen lassen, behauptete die Polizei. Tatsächlich war der Regisseur und Schauspieler ausgerastet. Er beleidigte und beschimpfte die Beamten und machte seiner Wut durch antisemitische Äußerungen Luft. Irgendwie war TMZ an den Polizeibericht zu Gibsons Betragen gelangt und hatte prompt darüber im Internet berichtet. Das Echo war gewaltig.
Er setzte sich als Verteidiger der Pressefreiheit in Szene
Doch es sollte noch besser kommen: Erst dieser Tage kam ans Licht, dass die Polizei von Los Angeles sich damals mit gerichtlicher Zustimmung eine Liste von Levins Telefonaten beschafft hatte. Die Beamten wollten herausfinden, wer dem TMZ-Boss den Gibson-Bericht zugespielt hatte. Levin war außer sich über die Verletzung seiner Privatsphäre und kündigte gerichtliche Schritte gegen den Sheriff an. Der gewiefte Medienmann erkannte zugleich die goldene Gelegenheit, sein Schmuddelimage als Klatschkönig aufzupolieren. Gekonnt setzt er sich nun als Verteidiger der Pressefreiheit in Szene. "Dies ist ein Kampf gegen polizeilichen Machtmissbrauch und für die Demokratie", trug er bei einer Zusammenkunft von Medienleuten an der University of California in Los Angeles vor. Aufgedeckt wurden die heimlichen Nachforschungen der Polizei allerdings nicht von Levins eigenen Spähern. Dazu musste der TMZ-Chef dann doch die "Los Angeles Times" lesen.
F.A.S.
AP
Zum Thema
Weitere Themen
Homepage >, Politik >, Wirtschaft >, Feuilleton >, Sport >, Finanzen >, Reise >, Wissen >, Auto >, Computer >, Beruf & Chance >, Kunstmarkt >, Immobilien >, Rhein-Main-Zeitung >






