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Stellenmangel in China
In den Jobhotels von Schanghai
Von Frank Hollmann
Großes Gedrängel: Chinesische Studenten warten auf die Eröffnung einer Jobmesse
 
05. November 2009
Eigentlich müsste sich Dong Xiaoyue keine Sorgen machen. Gerade hat er sein Studium an einer der bekanntesten Pekinger Hochschulen abgeschlossen. 90 Prozent aller Absolventen dieses Jahrgangs haben schon eine Stelle, brüstet sich die Hochschule. Auch Dong Xiaoyue fand seinen Namen auf einer entsprechenden Liste - und war fassungslos. Bis zu dem Zeitpunkt, als er die Liste las, war er erfolglos von Jobmesse zu Jobmesse gepilgert, so wie die meisten seiner Kommilitonen. "Nur zehn von 29 Studenten meiner Abschlussklasse haben einen Job", sagt der 24 Jahre alte Absolvent und blickt resigniert durch seine Nickelbrille. Die Beschäftigungsstatistik seiner Universität stimmt offensichtlich nicht mit der Realität überein, so wie viele Zahlenwerke in der Volksrepublik.
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Den offiziellen Zahlen zufolge hat China die Finanzkrise bislang erstaunlich gut überstanden. Demnach waren gerade mal 4,3 Prozent der Stadtbevölkerung zur Jahresmitte arbeitslos. Über zwei Drittel der Studenten, die die Hochschulen dieses Jahr auf den Arbeitsmarkt entlassen, haben einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Was diese Statistiken nicht verraten, enthüllte kürzlich Tianya, Chinas bekanntestes Online-Forum. Hier lassen sich vor allem junge Chinesen über alles aus, was sie im Alltag des Milliardenvolkes aufregt, auch über den seit der Finanzkrise noch gnadenloser gewordenen Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. In dem Tianya-Forum beschrieb ein Student aus Xian als einer der Ersten, was er per Zufall in den Unterlagen seiner Universität entdeckt hatte. Danach hatte ihn ein Unternehmen angestellt, von dem er noch nie gehört hatte. Als er den Namen überprüfte, fand er heraus: Seine Universität hatte ihn bei einem Phantasiearbeitgeber registriert, um die eigenen Statistiken schönen.
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Darauf meldeten sich Studenten aus dem ganzen Land und schrieben sich im Internet über ähnliche Erlebnisse ihren Frust von der Seele. Das Phänomen gibt es offenbar schon seit Jahren, doch jetzt ist die Zahl der gefälschten Stellen und geschönten Statistiken in die Höhe geschnellt. Manche Studenten witzeln in dem Online-Forum und bedanken sich für die "Fürsorge" ihrer Universitäten. Sonst hätten sie ja selbst zu Fälschern werden müssen.
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In der Millionenstadt Chongqing wurden unlängst 31 chinesische Schüler bestraft, die sich beim Aufnahmetest mit falschen Papieren als Angehörige einer Minderheit ausgegeben hatten. Diese bekommen automatisch 20 Extrapunkte, ein Zugeständnis an Tibeter, Uiguren, Mongolen und die rund 50 anderen ethnischen Minderheiten. Die Strafe war hart. Ein Schüler beispielsweise darf nun nicht an der Peking-Universität studieren. Seine Eltern wurden aus dem Staatsdienst entlassen.
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Gewaltiger Leistungsdruck
Chinas Studenten stehen unter gewaltigem Leistungsdruck. Wer keinen Arbeitsvertrag vorweisen kann, dem händigen viele Universitäten auch kein Abschlusszeugnis aus. Allerdings sind viele Professoren großzügig. Da wird schon mal ein zweitägiges Praktikum als Arbeitsplatz akzeptiert. Als Liu Lihua, Germanistikstudentin in Peking, kurz vor dem Examen noch keine Stelle hatte, wurde sie von ihrem Professor bedrängt zu behaupten, sie würde zunächst freiberuflich als Übersetzerin arbeiten. Zeitungsberichten in Hongkong zufolge soll eine Universität in der vom Exporteinbruch gebeutelten Südprovinz Guangdong jedem Studenten umgerechnet zehn Euro angeboten haben, der einen Arbeitsvertrag vorlegen konnte. Ob echt oder gefälscht, interessierte niemanden. Hauptsache, der Absolvent gilt nicht als arbeitslos und die Statistik stimmt.
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Denn die ist entscheidend für die Reputation und die Mittelzuweisung einer Hochschule, erläutert Professor Yu Hai, Soziologe an der Fudan-Universität in Schanghai, das Phänomen der "Bei Jiuye", wörtlich übersetzt "erzwungene Beschäftigung". So nennen Chinas Studenten diese nur auf dem Papier existierenden Arbeitsplätze. "Je mehr sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, desto größer ist die Zahl der gefälschten Jobs. Die Wirklichkeit können wir nicht ändern. Also ändern wir die Statistik", sagt Professor Yu und lacht verächtlich über diesen Selbstbetrug.
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Die Familien von Zhang Yuan, Wang Qiang, Li Xiaofeng und Xu Qing haben einen Großteil ihrer Ersparnisse geopfert, damit ihre Kinder studieren konnten. Nun sitzen die angehenden Informatiker in einem schäbigen Hochhausapartment in einem der gesichtslosen Schanghaier Stadtviertel, in die sich kein Tourist verirrt. Die Vorhänge sind zugezogen, die Klimaanlage rattert auf Hochtouren, um die stickige Luft auf halbwegs erträgliche Temperaturen zu kühlen. Solche zu Billigunterkünften umgewandelten Wohnungen gibt es überall in China. Früher waren sie günstige Alternativen zu vergleichsweise luxeriösen Jugendherbergen, heute werden sie mehr und mehr zu Jobhotels. Wer hier für 20 Yuan (rund zwei Euro) am Tag absteigt, bekommt nicht nur eine Matratze in einem vollgestopften Zimmer. Er bekommt auch Telefonnummern, Adressen, Kontakte und eine kleine Hoffnung auf eine halbwegs ordentlich bezahlte Stelle.
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Ein Bett, Internetanschluss, Waschmaschine
Jobhotel ist derzeit die einzige Hotelkategorie in China, die bestens ausgelastet ist. Im nacholympischen Jahr kommen viel weniger Touristen nach China. In Schanghai beispielsweise beträgt der Rückgang rund 10 Prozent. Zudem haben viele internationale Firmen ihre Dienstreisebudgets zusammengestrichen. Nach den jüngsten Zahlen der staatlichen Hotelvereinigung sind die Nobelhotels in Schanghai und Peking derzeit gerade mal zu einem Drittel belegt. Die spartanischen Jobhotels aber boomen, sagt Manager Liu Di: "Studenten aus ärmeren Provinzen können sich in teuren Städten wie Schanghai keine andere Unterkunft leisten. Bei uns aber finden sie das Nötigste, ein Bett, Internetanschluss, Waschmaschine. Dann können sie sich ganz auf die Jobsuche konzentrieren."
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Erfolgreich waren Zhang und seine Studienfreunde bislang nicht. Demnächst machen sie ihren Abschluss. Seit zwei Jahren schon hangeln sie sich von Praktikum zu Praktikum und opfern dafür ihre Ferien. Ein richtiger Job war noch nicht dabei, sagt Zhang Yuan, aber wenigstens könne er etwas Berufserfahrung sammeln. Vergangenen Monat hätten sie nur einen halben Tag frei gehabt, erzählt Li Xiaofeng mit müden Augen und quält sich ein Lächeln ab. Junge Männer wie Li und Zhang schlafen jeden Abend mit Versagensängsten ein. Unzählige Familien haben alles für die Karriere des oft einzigen Kindes getan. Doch das bekommt gerade keine Chance, die Erwartungen zu erfüllen.
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Die Berufsaussichten der chinesischen Hochschulabsolventen haben sich dramatisch gewandelt. In der Aufholjagd zu den führenden Industrienationen werden in China ständig neue Hochschulen gegründet. 2002 machten noch 1,5 Millionen junger Menschen ihren Abschluss, dieses Jahr sind es über 6,1 Millionen. Als Professor Yu Hai 1982 sein Examen schaffte, gehörte er zu den ersten Jahrgängen, die nach der bildungsverachtenden Kulturrevolution wieder studieren durften. Der junge Absolvent Yu fand gleich eine Stelle als Ausbilder an einer Universität. Dagegen hätten es seine Studenten heute ungleich schwerer, beklagt der Soziologe: "Wenn wir an der Fudan-Universität eine Stelle in der Verwaltung ausschreiben, bewerben sich 800 Kandidaten. Fast alle haben einen Hochschulabschluss. Und es wird immer schlimmer. Unsere Wirtschaftsstruktur braucht gar nicht so viele Akademiker. Für mich ist das eine soziale Krise."
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F.A.Z.
AP
 
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