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Amerikas Ostküste
Maine Welt
Von Tobias Rüther
Am schönsten ist Maine von oben: Ein Paar auf dem Mount Megunticook
 
01. November 2009
Die Frau hinter der Theke zögerte kurz. Sie schaute uns ratlos an, trat aber dann doch zum Wassertank herüber, aus dem am Tag zuvor, als wir das Restaurant im Hafen von Southwest Harbor entdeckt hatten, ein ziemlich großer Hummer es fast, aber eben nur fast geschafft hatte, abzuhauen. Die Frau schaute in den Tank, taxierte, was sie sah, dann griff sie zu.
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Leider sind wir nicht schnell genug weggerannt. Und so bekamen wir schließlich doch zu sehen, was wir nicht sehen wollten, weswegen wir die Frau hinter der Theke ja auch gebeten hatten, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und uns zu verschonen. Den Hummer sahen wir nämlich. Unseren Hummer. Einen großen, dunkel gepanzerten Atlantikhummer, den man sich, weil er nach Gewicht bezahlt wird, als Gast hier selbst aussucht. Normalerweise jedenfalls. Es sei denn, man hat Appetit, aber genauso große Skrupel und bittet die Bedienung darum, selbst Schicksal zu spielen.
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Wer kann dazu schon nein sagen? Ahornbäume im Herbst in Freeport
Eine Viertelstunde später saßen wir an Picknicktischen in der großen Halle des Restaurants, es hieß "Beal's Lobster Pier", und aßen trotzdem. Die Bucht von Southwest Harbor lag hinter den großen Fenstern in der Dämmerung, Segelboote, Fischkutter, Stege, Hummerreusen, Holzhäuser am Ufer, in denen langsam die Lichter angingen und vor denen ältere schwedische Autos parkten. Eine Ostküstennacht brach an.
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Wer geht hier schon freiwillig weg?
Draußen vor dem Restaurant hockte ein Mann in seinem Saab und wartete auf seine Bestellung. Die Frau von der Theke brachte sie heraus, sie kannten sich, er rauchte am offenen Fenster. Die feuchte Abendluft legte sich auf die Planken des Bootsstegs. Es war so vertraut alles, es war, als läsen wir in diesem Augenblick in einem Buch, das in Maine spielt, also genau wie in den Büchern, die uns hierhergebracht hatten: John Irving hatte sie geschrieben, Robert Olmstead, Stephen King, die Prinzen von Maine, die Könige von Neuengland, wie es in Irvings Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" heißt, was ein ziemlich komplizierter Titel ist.
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Und jetzt waren wir hier, in Maine, und es war kaum auszuhalten, wie sich der Wunsch, dass es genauso sein könnte, wirklich einlöste. Stephen King, der in Maine geboren wurde, hat im Laufe der Zeit ein paar Mal versucht, anderswo zu wohnen, in Boulder zum Beispiel, Colorado, wo es fast so schön ist, auch in England, aber er ist immer wieder zurückgekommen. Sein Haus steht in Bangor, angeblich verbringt er die Winter jetzt immer in Florida, es schüttelt einen, wenn man das hört. Hier freiwillig wegzugehen!
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Wir hatten einfach im Internet nach einem Ferienhaus an der Küste von Maine gesucht, für ein paar frühe Herbsttage. Und fanden Southwest Harbor auf Mount Desert Island, die liegt eine Stunde von Bangor entfernt und ist mit dem Festland über einen Damm verbunden. Kanada ist nah, Montreal so weit wie Boston, fünf Autostunden.
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Hier kleben deutlich mehr Obama-Aufkleber, als anderswo
Wild und unberührt: Der Atlantik prallt an die Küste des Acadia National Park
Auf der Insel liegt der Acadia National Park. Als er vor neunzig Jahren dazu deklariert wurde, war er der erste Nationalpark östlich des Mississippi. Ein Ferienziel für amerikanische Familien ist der Acadia National Park, die hier wandern. Und auch eines für Kreuzfahrtschiffe. Die landen in Bar Harbor an, im bekanntesten Ort der Insel, und die Passagiere wälzen sich die Main Street herauf und herunter und kaufen Hummerbrötchen, die überall auf der Insel 12,99 Dollar kosten, nur für Kreuzfahrer gibt es Rabatt. Am besten beobachtet man diesen Landgang aber von weit weg, am schönsten ganz oben vom Cadillac Mountain aus, auf dessen Spitze man über die gesamte Insel schauen kann. Dann liegen die weißen Tanker schön lautlos in der Ferne, bis sie sich den Fjord entlang in den Atlantik schieben, auf Nimmerwiedersehn in Florida.
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Maine ist nicht Europa, auch wenn es auf Europäer ein wenig so wirkt, mit der Mülltrennung, den Bauernmärkten, den Fahrrädern. Aber das ist schon seit einiger Zeit ein Bild, das sich Amerika von sich selbst macht. Auch hier hängen natürlich amerikanische Fahnen in den Vorgärten der Holzhäuser oder an handgemachten Verkaufsständen für Biomarmelade. Aber es kleben schon deutlich mehr Obama-Aufkleber an den Volvostoßstangen als anderswo, tiefer ins Land hinein.
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Etwa 12 Kilometer vom Festland entfernt liegen die Matinicus Islands mitten im Atlantik
An diesem Dienstag wird in Maine darüber abgestimmt, ob ein Gesetz widerrufen werden soll, das homosexuellen Paaren die Heirat erlaubt. Prognosen zeigen, dass genauso viele Einwohner dafür wie dagegen sein könnten. Im Fernsehen werben Spots von Aktivistengruppen dafür, doch bitte die Vielfalt zu verteidigen, die man sich hier erobert hat. Zu dieser Vielfalt gehört auch, dass uns in Southwest Harbor ständig junge Russen begegnet sind, beim Biobäcker, beim Biosupermarkt nebenan, an der Rezeption, wo wir den Schlüssel für unsere Ferienwohnung abholten. "Wir sind aus Indiana, der Weg war ganz schön weit, woher kommt ihr?", fragten uns die Nachbarn, als wir abends auf der Terrasse saßen und mal wieder auf den Hafen starrten, als sei er die nächste Seite eines Buchs. "Aus Deutschland", antworteten wir. Da war das Gespräch auch schon wieder vorbei.
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Farne und Moose bereiten ein Bett, in das man sich legen will
Im Nationalpark trafen wir dann meist Amerikaner, die vom Weg abgekommen waren, was schon ganz schön schwer ist, wenn es immer im Kreis herum geht. Und zweimal Rehe, und das war dann wirklich so wie bei Stephen King. Jeder, der "Stand by me" gesehen hat, die Verfilmung einer seiner schönsten Erzählungen, kennt die Szene, wo Gordie, der mit seinen Freunden in die Wälder von Maine aufbricht, um einen toten Jungen zu suchen, frühmorgens auf den Bahndamm tritt, einem Reh ins Gesicht schaut und etwas über das Leben lernt. Bei uns war es ganz genauso! Nur dass wir in einem Chevrolet Impala saßen. Und den Weg zurück auf den Park Loop suchten. Die Rehe huschten lautlos ins Unterholz, es wirkte wie Ballett.
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Der Tag geht zu Ende in Portland Harbor
Der Park Loop ist eine Einbahnstraße und führt einen kontemplativ die Küste entlang. Links das Meer, eiskalt war es, als wir am Sand Beach die Füße hineinsteckten. Rechts die Berge, deren Bäume sich nach und nach verfärbten, Ahorn vor allem, Zedern auch, und Eschen, Lärchen, Espen, unter denen sich die Farne und Moose ein Bett bereitet haben. In das man sich legen will, nach den gar nicht so leichten Aufstiegen, um die Wolken von Maine zu verfolgen.
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Man muss aber aufstehen. Und hinuntergehen zum Thunder Hole, wo der Ozean bei Hochwasser so in die Klippen drückt, dass die Brandung wie Sprudel aus der Flasche schießt, gurgelt und stöhnt. Im August sind hier zwei kleine Mädchen und ein Mann aufs Meer hinausgeweht worden. Ein Mädchen starb. Gottes Werk und Teufels Beitrag. Und plötzlich versteht man, was das heißen kann.
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F.A.S.
AP, F.A.Z.
 
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