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Nordkorea/Südkorea
Schöne Grüße vom Geliebten Führer
Von Jakob Strobel y Serra
Waffenstillstandslinie: Die Grenze zwischen den beiden koreanischen Staaten mit den hellblauen UN-Baracken, von der Südseite aus gesehen.
 
05. November 2009
Der Herr Oberstleutnant ist eine Seele von Mensch, zuvorkommend, zurückhaltend, höflich, gebildet, die Manieren tadellos, das Lächeln herzerweichend, der Charme robertredfordhaft, und fesch ist er auch in seiner Ausgehuniform mit den drei Dutzend bunten Orden, als hätte er Weltkrieg eins nebst zwei im Alleingang gewonnen. Doch um seine Tapferkeit macht er selbstverständlich kein Aufhebens, sondern blickt seinen Gästen mit schelmischer Unschuld ins Gesicht - ein Soldat im Samtgewand, denken wir uns gerührt, der ideale Schwiegersohn, Ehegatte, Familienvater, Vorgesetzte, Gesamtmensch, der nur einen einzigen, klitzekleinen Makel hat: Der nette Herr Oberstleutnant ist der Abgesandte des Bösen.
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Seinen Dienst versieht er am "furchterregendsten Ort auf Erden". So hat Bill Clinton den Arbeitsplatz des Offiziers schaudernd genannt, der den poetischen Namen Panmunjom trägt, am achtunddreißigsten Breitengrad liegt und der wichtigste Militärposten an der Grenze zwischen den beiden verfeindeten koreanischen Staaten ist. Der Herr Oberstleutnant steht dort auf der falschen Seite, nämlich der nordkoreanischen, und hält Panmunjom - natürlich ohne es uns auch nur anzudeuten - wahrscheinlich für eine Art antifaschistischen Schutzwall à la coréenne und nicht für ein bizarres Relikt des Kalten Krieges, nicht für einen surrealen Irrläufer der Geschichte, der sich weigert, die Gegenwart als gegeben zu akzeptieren und sich stattdessen eine eigene, aus Furcht und Bedrohung, Gefahr und Irrwitz gewobene Wirklichkeit schafft. Es ist die letzte Lamelle des Eisernen Vorhangs, der allerletzte Akt des großen absurden Ideologietheaters, Dadaismus in Uniform, Geschichte in Habachtstellung, die den Nachgeborenen eine verblüffende Lektion erteilt. Der Kommunismus - hier würdevoll vertreten von der Demokratischen Volksrepublik Korea - hat vielleicht vieles nicht gekonnt, eines aber hat er immer schon meisterhaft beherrscht: die hohe Kunst der Propaganda.
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Arme Hunde in Badelatschen
Feindbeobachtung oder Schnappschuss: Ein nordkoreanischer Soldat in Panmunjom.
Vor ein paar Jahren fuhren wir vom Süden aus zur Grenze, und der Schrecken kroch uns in die Glieder wie einst Bill Clinton. Die Beklemmung beschlich uns schon in Seoul bei der Überprüfung der Kleiderordnung durch die wenigen Reiseveranstalter, die Touren zum Abgrund der Furcht und Finsternis anbieten dürfen. Verboten sind bis heute Jeans, Miniröcke und Sandalen, angeblich, um die Gegenseite nicht mit amerikanischem Way of Life zu provozieren. In Wahrheit will man vermeiden, dass der Norden Menschen in Latschen und anderen Minimaltextilien filmt, um dann dem eigenen Volk zu erklären, dass sich die armen Hunde im Süden nicht einmal festes Schuhwerk leisten können. Nach dem Kleiderappell fahren die propagandistisch unbedenklich Gewandeten in Bussen nach Norden - über die Unification Road, die Freedom Bridge und andere Straßen, deren Namen wie plumper Hohn klingen, mitten durch eine apokalyptische Landschaft, die den letzten Tag herbeizusehnen scheint, vorbei an Panzersperren, Minenfeldern, Stacheldraht, Spanischen Reitern und Autobahntrassen mit Hohlräumen voller Dynamit, die bei einer Invasion blitzschnell gesprengt werden können. Schließlich erreicht man, schon sehr kleinlaut und geduckt, die Gemeinsame Sicherheitszone, die nominell unter der Verwaltung der Vereinten Nationen steht und offiziell gar keine Grenze, sondern eine von anderthalb Millionen Soldaten bewachte Waffenstillstandslinie ist. Denn die beiden koreanischen Staaten befinden sich auch sechsundfünfzig Jahre nach Ende des Korea- Krieges und zwanzig Jahre nach dem Mauerfall immer noch im Kriegszustand.
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Nach Krieg sieht es hier auch aus: überall barscher Befehlston, grimmiges Militär, angriffshungrige Elitekämpfer, düstere Baracken, in denen alle Besucher eine Einverständniserklärung unterschreiben müssen und sich dabei fühlen wie kurz vor ihrer eigenen Hinrichtung. Man verspricht, die nordkoreanischen Soldaten nicht anzusprechen, nicht zu provozieren und sich schon gar nicht mit ihnen zu verbrüdern. Und man nimmt zur Kenntnis, dass "die Gefahr von Tod oder Verwundung infolge einer Feindattacke" besteht. Dann wird man zum Freedom House geführt, einem mit nichts anderem als hohlem Pathos gefüllten Protzbau aus Stahl und Glas direkt an der Grenzlinie, der die wirtschaftliche und ideologische Überlegenheit des kapitalistischen Südens den Nordkoreanern wie ein Stich in Auge und Herz demonstrieren soll - seht her, ihr Hungerlappen, wir tragen vielleicht Latschen, aber einen solchen Palast können wir uns leisten und ihr euch nur einen jämmerlichen stalinistischen Plattenbau, in dem wir nicht einmal unsere Traktoren unterstellen würden. Auf der obersten Etage des Freedom House standen wir damals, blickten hinüber nach Nordkorea, das nur ein paar Meter entfernt und doch unendlich weit weg war, jenseits einer Grenze, die seit 1953 kein einziger Mensch lebendig überquert hat, und dachten uns: Hier ist die Welt zu Ende, das da drüben ist nicht mehr der Planet Erde, sondern eine ferne Galaxie, die wir niemals im Leben betreten werden.
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Willkommen im Arbeiter-und-Bauern-Bullerbü
Herzlich willkommen, zwitschert jetzt der Herr Oberstleutnant, wie schön, dass Sie unser herrliches Land besuchen. Wir stehen am Rand der entmilitarisierten Zone inmitten einer Landschaft von betörender Bukolik. Reiher tapsen durch Reisfelder, Ginkgo-Alleen spenden Schatten, die Sojapflänzchen auf den Feldern stehen so akkurat wie die Zähne eines Kamms und neigen sich manchmal im Wind wie Schulkinder, die den Vorbeikommenden zuwinken. Im sozialistischen Vorzeigedorf ein paar hundert Meter vor der Demarkationslinie zupfen Bauern pfeifend Unkraut, fegen trällernd die Straße und lächeln so unschuldig, als stünde ihnen der Sündenfall erst noch bevor. Alles ist so friedfertig und lebensfroh, so glücklich und unbeschwert, dass man am liebsten gleich Herrn Oberstleutnant um Asyl und freien Eintritt ins Paradies der Werktätigen bitten würde. Doch davon hält uns vorerst der Fahnenmast über dem Dorf ab, der nicht so recht ins Bild des Arbeiter-und-Bauern-Bullerbü passen will. Denn es ist kein Mast, sondern ein Hundertsechzig-Meter-Monstrum mit der Flagge der Volksrepublik daran, so groß wie ein Zirkuszeltdach, ein eigentümlicher Stachel in der perfekten Propagandainszenierung der kleinen, heilen, nordkoreanischen Welt, vielleicht aber auch ein ungewollter Wink mit einem gigantischen Zaunpfahl.
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Unsere Einschüchterung scheint der Herr Oberstleutnant zu bemerken und beschwichtigt uns mit sanftmütiger Stimme. Der Mast sei nur ein Zeichen des Selbstbewusstseins unseres Volkes, er solle niemandem Angst machen, nichts läge dem Geliebten Führer Kim Jong-il ferner. Dann führt er uns zu einer schneeweißen Steintafel, auf der Kim Il-sung, der Große Führer und Vater des Geliebten, der bis heute wie ein böser Untoter von seinem Mausoleum in Pjöngjang aus das Land tyrannisiert, seinen letzten Lebenswunsch bekundet: die Wiedervereinigung mit dem Süden. Sei das nicht der endgültige Beweis für die Friedfertigkeit seines Landes, fragt der Herr Oberstleutnant treuherzig, um dann mit einem vorwurfsvollen Seufzen zur Grenzlinie zu deuten - zum protzigen Freiheitspalast des Brudervolkes, der aussieht wie eine einzige neureiche Provokation; zu den Soldaten aus dem Süden, die in der Angriffspose des Taekwondo verharren, während die Kollegen aus dem Norden eher an Spaziergänger erinnern; zu den sieben Baracken, in denen der Waffenstillstand unterzeichnet wurde und die zur Hälfte im Süden, zur Hälfte im Norden stehen.
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Ein stilles Lächeln zum Abschied
Der Norden hat nichts dagegen, dass wir uns auf den Stuhl des Verhandlungsführers setzen, an jenen berühmten Tisch, den die Grenze in zwei Teile teilt. Wir strecken das eine Bein in der Demokratischen Volksrepublik Korea aus, das andere in der Republik Korea, schauen nach links und rechts und sind uns für eine Sekunde nicht mehr sicher, wo das Gute und wo das Böse wohnt - die Sinnestäuschung ist geglückt, die Propaganda hat triumphiert, wir lächeln still. Und der Herr Oberstleutnant lächelt auch.
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F.A.Z.
AFP
 
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