Wimbledon
Die Zerstörung eines königlichen Traums
Von Peter Penders, WimbledonDer Traumzerstörer: Andy Roddick
05. Juli 2009
Auf dem Schwarzmarkt gelten ähnliche Voraussetzungen wie auf dem Aktienmarkt. Um ordentlich abzusahnen, muss man den richtigen Riecher haben, aber auch das Glück oder noch besser die Vorahnung, zum richtigen Moment auszusteigen. Ticketpreise von bis zu 20.000 Pfund waren für das Herren-Finale in Wimbledon vorausgesagt worden, weil sich niemand im Königreich vorstellen konnte, dass das Undenkbare tatsächlich passieren könnte – eine Niederlage von Andy Murray. Seit Beginn des Turniers hatten die englischen Zeitungen den Hype in die Höhe getrieben, denn nach der verletzungsbedingten Absage von Titelverteidiger Rafael Nadal schien der große Zeitpunkt gekommen zu sein: die erste Finalteilnahme eines Briten seit 71 Jahren, vielleicht sogar der erste Wimbledon-Triumph seit Fred Perry die Trophäe 1936 hochhalten durfte.
Und der Weltranglistendritte Murray, der mit seinem Sieg beim traditionellen Vorbereitungsturnier im Queen’s Club die ohnehin hohen Erwartungen noch mal kräftig gesteigert hatte, tat gut daran, besser keine Zeitungen zu lesen. In den Wirtschaftsteilen hätte er sonst erfahren können, wie sehr seine Kasse bei einem Sieg an der Church Road geklingelt hätte: Werbeeinnahmen von rund 100 Millionen Pfund waren prognostiziert worden.
Der Weg scheint frei: Roger Federer kann in Wimbledon der erfolgreichste Spieler werden, den die Tenniswelt gesehen hat
Am Freitagabend stürzte der Kurs für die begehrten Endspielkarten mit einem Schlag drastisch in den Keller, weil es im letzten Moment so wie immer gekommen war. Die Engländer hätten es natürlich wissen können – sie hatten die ganze Prozedur schließlich in den vergangenen Jahren mit Tim Henman schon mehrfach durchlebt. Viermal hatte der Londoner mit seinen Halbfinalteilnahmen das ganze Königreich in Atem gehalten, aber als er den letzten Schritt machen musste, war er stets gescheitert. Nun kam Murray, dem auch als Schotten die guten Wünsche und Hoffnungen aller Engländer begleiteten, und erweiterte die lange Geschichte des Scheiterns britischer Tennisspieler um ein weiteres bitteres Kapitel: Er verlor 4:6, 6:4, 6:7 und 6:7 gegen den Amerikaner Andy Roddick, und der "Guardian“ titelte: "73 Jahre Schmerz“.
Murray führt im Vergleich gegen Federer 6:2
Der Weg scheint nun also frei zu sein für Roger Federer, endgültig zum erfolgreichsten Spieler aufzusteigen, den die Tenniswelt gesehen hat. Bislang teilt sich der Schweizer, Halbfinalsieger über den erstaunlich auftrumpfenden Deutschen Thomas Haas, diese Bestmarke von 14 Grand-Slam-Titeln noch mit dem Amerikaner Pete Sampras. Federer besitzt allerlei Rekorde in den Tennis-Geschichtsbüchern, die alles über seine Konstanz und Dominanz aussagen.
Er hätte der erste Brite im Finale seit 71 Jahren sein können: Andy Murray
Das Semifinale gegen Haas war sein 21. Halbfinale in einem Grand-Slam-Turnier hintereinander. Seit seiner Drittrunden-Niederlage gegen den Brasilianer Gustavo Kuerten bei den French Open 2004 zog er zumindest immer in die Runde der letzten vier – und 18 Mal danach auch in das Finale ein. Dieses nun gegen Roddick ist das insgesamt 20. Grand-Slam-Endspiel seiner Karriere – die alte Bestmarke hatte er sich noch mit Ivan Lendl teilen müssen.
Federer hätte gute Gründe, dem Sonntag optimistisch entgegenzublicken. Mit einem Sieg würde er wieder den ersten Platz in der Weltrangliste übernehmen, den er im August vergangenen Jahres nach 237 Wochen Nadal überlassen hatte. Murray aber wäre nach Nadals Fehlen einer der wenigen möglichen Finalgegner gewesen, gegen die er eine negative Bilanz aufweist. Im direkten Vergleich führt der Schotte 6:2, und er hat die letzten vier Spiele allesamt gewonnen.
Roddick zerstörte den Showdown
Wie immer in Wimbledon: im Halbfinale ist Schluss für die Briten
Doch der ultimative Showdown des Turniers wurde am Freitag von Roddick abgesagt, der mit einer sehenswerten Vorstellung die großen Träume der Briten Schlag für Schlag, Aufschlag für Aufschlag, Volley für Volley zertrümmerte. Dummerweise gehört der ehemalige Weltranglistenerste und US-Open-Sieger von 2003 aber zu den absoluten Lieblingsgegnern von Federer. Die Bilanz steht bei 18:2 für den Schweizer, der den Amerikaner nicht nur 2004 und 2005 schon im Wimbledon-Finale besiegt hat. Siebenmal traf Roddick bislang bei einem Grand-Slam-Turnier auf Federer – jedes Mal verlor er.
Der Amerikaner, der den Geschwindigkeitsweltrekord beim Aufschlag mit 249,4 Kilometern pro Stunde hält, hat nach seinem frühen Ausscheiden im vergangenen Jahr mit seinem neuen Trainer Larry Stefanki allerdings extrem an sich gearbeitet. Er hat vieles verändert, bis hin zu Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten. Geblieben ist ein Entertainer nicht nur auf dem Platz, dem die Ehe mit dem Fotomodell Brooklyn Decker sichtlich guttut. Sie redete ihm gut zu, dass er nach den Zweifeln im vergangenen Jahr wieder zurückfand. "Und vor allem“, sagt Roddick, "sieht mit ihr meine Spielerbox viel attraktiver aus.“ Daran besteht kein Zweifel.
F.A.Z.
AFP
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