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Senioren
Ein neues Wohnviertel - nur für Alte
Von Birgit Ochs
Der geplante Wohnpark
 
04. November 2009
Kapahnkes sind über 70 Jahre alt und Pioniere. Ende April haben sie ihr neues Eigenheim "Am Heideweg" in Meppen bezogen. Sie waren nicht nur die ersten, sondern über Monate hinweg auch die einzigen Bewohner des neuen Viertels. Mittlerweile sind sie in der Nachbarschaft zu siebt, verteilt auf vier Häuser. In den nächsten Jahren sollen auf dem annähernd 2 Hektar großen Grundstück an der Ems mehr als 40 Bungalows entstehen und etwa 86 Menschen leben - die meisten älter als 60. "Alles alte Leute mit ihren Wehwehchen." Renate Kapahnke lacht: "Das passt."
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Bisher hat es nicht so recht gepasst - das Wohnangebot für die mittlere Einkommensgruppe der Rentner. Das findet zumindest der Architekt Josef Wulf. "Wer sich nicht gleich eine Finca auf Mallorca leisten kann, aber weiter seinen Lebensabend im eigenen Haus verbringen will, allerdings barrierefrei und mit Servicedienstleistungen je nach Bedarf, für den gibt es zu wenig Auswahl", stellt der Projektentwickler fest. Bis zu seinem 65. Geburtstag sind es nur noch vier Monate hin. "Ich frage mich schon eine Weile, wie ich selbst im Alter wohnen will." Nicht zuletzt dadurch sei er auf die Idee gekommen, die Lücke mit einem "Senioren-Wohnpark" zu füllen.
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Der Alltag ist für Alte oft zu hektisch
Haus von Ehepaar Kapahnke im Senioren-Wohnpark Heidestraße in Meppen
Wulf konnte sein Vorhaben auch deshalb umsetzen, weil Meppen im beschaulichen Emsland und nicht in einem pulsierenden Ballungsgebiet liegt, wo Baugrundstücke knapp und teuer sind. So fand sich ein geeignetes Grundstück, das ausreichend Raum für die neue Siedlung bietet. Denn Wulf braucht Platz, will er die Anlage doch ausschließlich mit freistehenden Einfamilienhäusern bebauen, die allesamt über nur eine Etage verfügen. "Nur 1600 Schritte vom Zentrum entfernt, alles beschaulich und mit Friseur und Supermärkten in der Nachbarschaft", beschreibt der Projektentwickler die Lage. Auf den bis zu 380 Quadratmeter großen Parzellen sollen Häuser mit einer Wohnfläche von mindestens 74 Quadratmetern entstehen - die günstigsten für 120 000 Euro.
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Verkehrsberuhigt sollen die Straßen sein. "Für alte Menschen ist der Alltag oft zu hektisch, da wird gleich gehupt, wenn das Ein- und Aussteigen aus dem Auto nicht so schnell geht", sagt der Planer. Auch werden die Bürgersteige keine erhöhten Bordsteine haben, damit keine Stolperfallen entstehen und Rollator-Fahrer ohne Hindernisse durch die Anlage kommen. Viel Grün soll es geben - in der Anlage, aber auch der Umgebung.
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Erbsensuppe, Braten, Streuselkuchen
Außerdem hat Wulf für das Zentrum des Viertels ein Gemeinschaftshaus geplant, wo die Bewohner in einem Lädchen das Nötigste einkaufen können. Auch ein kleines Restaurant schwebt ihm vor, das zwei, drei Tagesgerichte anbietet. Keine große Küche, sondern Erbsensuppe mit Wurst, Braten und Klöße, Streuselkuchen und Kaffee.
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Dort, in der Mitte des Parks, wohnt auch die "Kümmerin", wie die Emsländer eine gute Seele nennen. "Die Kümmerli", sagt Renate Kapahnke, wenn sie von ihrer neuen Nachbarin Christa Springfeld spricht. Diese hat vor wenigen Wochen gemeinsam mit ihrem Mann, der im Rollstuhl sitzt, ihr früheres Zuhause im Betreuten Wohnen gegen eine Mietwohnung im Wohnpark eingetauscht. Von hier aus schaltet und waltet sie, übernimmt bei Bedarf Einkäufe und Fahrdienste für die Bewohner, organisiert ihnen die Pflegedienste, aber auch die Handwerker. Kurz, sie soll ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.
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"Noch habe ich ja nicht so viel zu tun", sagt Christa Springfeld. Sie ist gelernte Altenpflegerin, hat einst auch eine Ausbildung zur Sekretärin absolviert. "Und gärtnern kann ich auch", zählt sie auf. Wulf hat sie mit einem Piepser ausgestattet, für den Notfall, wenn einer der Bewohner stürzt. "Dann bin ich in wenigen Minuten zur Stelle", verspricht die 56-Jährige.
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Sun City an der Ems?
Manche erinnert Wulfs Vorhaben an die Rentnerstädte in den Vereinigten Staaten, wo in Arizona, Florida und Texas eigene Kommunen entstanden, die ganz auf die Bedürfnisse von Senioren abgestimmt sind. Sun City an der Ems? Wulf weiß nicht so recht, was er von dem Vergleich halten soll. Mag auch das Klima in Meppen durchaus angenehm sein, mit den Sonnenstaaten in den Vereinigten Staaten kann sich das Emsland nun doch nicht messen. Außerdem haben die Seniorengemeinden dort eine ganz andere Größenordnung. Eher habe er sich von den Ferienparks in den nahen Niederlanden inspirieren lassen. "Die Ruhe, die Natur - das ist doch ein bisschen wie Urlaub", sagt er.
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Der Lebensabend als Dauerferien mit einem Freizeitprogramm aus Kultur und Sport ist freilich genau die Verheißung, die amerikanische Seniorenstädte ihren Bewohnern machen. Als relativ elitäre Angelegenheit für Rentner, die sich eine Vollversorgung mit allen Annehmlichkeiten leisten können, wenn sie denn wollen, charakterisiert Gabi Troeger-Weiß die amerikanischen Seniorengemeinden. Die Professorin für Regionalentwicklung und Raumordnung an der Universität Kaiserslautern lehnt ein solches Angebot grundsätzlich jedoch nicht ab und findet ein regional zugeschnittenes Angebot in Deutschland eine "durchaus interessante Sache". Schließlich zieht es von Oktober bis Mai Tausende deutscher Rentner in sonnige Gefilde, wo sie unter Gleichen leben. Während die Wirtschaft Floridas und Teneriffas von der Kaufkraft der Deutschen profitiert, vernachlässige die hiesige Regionalplanung diese Zielgruppe, hat Troeger-Weiß festgestellt.
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Kaum eine Stadt will sich als Pensionopolis profilieren
"Kaum eine Stadt will sich offen als Pensionopolis profilieren", ergänzt Heike Liebmann vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Stadtgeschichte in Erkner. Sie hat sich als Expertin für das Thema Stadtumbau mit den Entwicklungschancen ostdeutscher Städte beschäftigt, die unter Bevölkerungsrückgang und Überalterung leiden. Zwar werben manche Städte wie Görlitz gezielt um Senioren und haben auch extra Ansprechpartner dafür abgestellt. Konsequent als Altenstadt wolle sich aber keine der Kommunen entwickeln. Dabei liegt die deutsche Ostseeküste wie auch der Süden des Landes als Wohnort der über 60-Jährigen im Trend, wie Erhebungen des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung zeigen.
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Auch wenn keine deutsche Gegend mit der Zahl der Sonnenstunden in Arizona oder auf den Kanaren mithalten kann, gibt es doch einige Flecken wie die Südpfalz, die sich nach Ansicht von Professorin Troeger-Weiß durchaus als Standort eignen könnten. Neben der möglichst hohen Sonnenscheindauer spielten eine nicht zu steile Landschaft und eine sehr gute Anbindung an bestehende Städte eine Rolle. Bisher sieht sie jedoch kaum Chancen für solche Angebote.
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"Wir wollen kein Ghetto sein"
"Wenn es um das Wohnen im Alter geht, standardisieren wir zu stark", merkt sie kritisch an. Die Politik hält das Modell des Mehrgenerationenhauses für wünschens- und förderungswert. "Ein Wohnviertel nur für Senioren passt da nicht so richtig ins Bild." Der exklusive Charakter einer Sun City ist hierzulande tatsächlich vielen ein Graus. "Eins zu eins übertragen lässt sich das Modell auf keinen Fall", meint die Regionalplanungsexpertin aus Karlsruhe.
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"Wir wollen kein Getto sein", versichert denn auch der Initiator des Meppener Modells. Zwar wird eine Schranke die freie Zufahrt für Autos zur Anlage verhindern. Die Rad- und Wanderwege aber sollen für alle offenstehen. "Und in der Gaststätte ist auch jeder willkommen - wie gesagt, das ist hier alles für normale Leute", verspricht Wulf.
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Wohlwollen im Rathaus
Im Rathaus der Kreisstadt blickt man mit Wohlwollen auf das Projekt. Zwar sei Meppen mit seinen 35 000 Einwohnern hinsichtlich der Altersstruktur eher eine junge Stadt und leide auch nicht unter einem Bevölkerungsrückgang. Der Senioren-Wohnpark sei jedoch eine Ergänzung der bisherigen Angebote. Elf Häuser hat Wulf bisher verkauft, überwiegend an Ortsansässige. "Aber wir haben auch Anfragen aus dem ganzen norddeutschen Raum, aus Köln und den Niederlanden", erzählt er. Bis der Wohnpark gefüllt ist, wird es dauern. Noch gleicht die Nachbarschaft einer großen Baustelle. Trotzdem: "Schön ist das", sagt Renate Kapahnke, wenn sie an die vielen Treppen in ihrem alten Reihenhaus zurückdenkt, die ihr Mann nun nicht mehr bewältigen muss. Schon seit Jahren fällt ihm das Laufen schwer. Ihr Haus gegen eine Wohnung in einer SeniorenResidenz einzutauschen, sei für sie nicht in Frage gekommen, sagt die Meppenerin. "Man will halt doch für sich sein."
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F.A.S.
Rouven Wulf, Christa Springfeld
 
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