Beste Lage (7)
Neben der Denkmalplakette hängt oft „Securitas“
Von Andreas RossmannDiesen grünen Gürtel enger schnallen? So weit kommt das noch! In Köln-Marienburg muss noch niemand seinen zweiten Porsche verkaufen
23. Oktober 2009
"Zu verkaufen“: Das Schild im Vorgarten sprießt häufiger, seit die Finanzkrise das Land durchpflügt. Auch in Köln schlägt es Wurzeln, in Müngersdorf etwa oder im Hahnwald. Beide Vororte gelten als bessere Wohngegenden und können es doch mit der besten nicht aufnehmen: Marienburg. Die Villenkolonie ist die feinste Adresse der Stadt – teuer, nobel, exklusiv. Schon sprachlich hebt sie sich hervor: Man wohnt nicht "in“, sondern "auf der Marienburg“. Kein "Zu verkaufen“ stört, bisher zumindest, den sozialen Frieden.
Immobilien wechseln hier nur selten den Besitzer. Im vorigen Jahr, so der "Grundstückmarktbericht 2009 für die Stadt Köln“, waren es drei freistehende Häuser und drei Doppelhaushälften. Der Kaufpreis betrug im Mittel 1,3 Millionen Euro. Die Bodenrichtwertkarte spiegelt keine Konjunkturschwankungen, lag der Quadratmeterpreis in den vergangenen drei Jahren doch bei 530, 540 und 560 Euro. Dagegen seien, so betonen die Makler, die Preisunterschiede für Gesamtobjekte nicht sehr aussagefähig, weil es sich bei jeder Immobilie um ein Unikat handle.
Schimmel und Wasserflecken
Eine Oase der Ruhe: Das ist der erste Eindruck. Während unten am Rhein das Oberländer Ufer und im Westen die Bonner Straße donnern, wirkt die Marienburg abgeschirmt. Breite Straßen, wenig Verkehr. So viel Betrieb wie im Morgengrauen des 14. Februar 2008, als Klaus Zumwinkel Besuch von der Staatsanwaltschaft bekam, herrscht nur ausnahmsweise. Ruhe auch für die Augen: Der für das Kölner Stadtbild typische Flickenteppich bleibt außen vor. Keine Werbung schreit, und im Wahlkampf nahm sie sich so zurückhaltend wie deplaziert aus.
"Villengebäude – erbaut ca. 1910 / Umbau ca. 1960, Köln-Marienburg.“ Einmal steht doch eine Anzeige in der Zeitung. Kein Makler, eine Anwaltskanzlei hat sie aufgegeben: "Verkauf im Auftrag gegen Meistgebot.“ Sogar ein Besichtigungstermin wird genannt. Bisher in drei Wohneinheiten aufgeteilt, ist das Haus heruntergewohnt und nicht gerade ein Schmuckstück. Die vorderen Räume sind hell und großzügig, in den Küchen und Bädern wuchern Schimmel und Wasserflecken.
"Unter 1,5 Millionen läuft hier nichts."
Nein, ein Gutachten gebe es nicht, sagt der Anwalt, der sich Kekse und Mineralwasser mitgebracht hat, jeder könne sich alles ansehen, das Bundesvermögensamt mache das auch so. Auf den Preis angesprochen, gibt er sich zugeknüpft. Ein Haus in der Nähe, genauso groß, aber nicht freistehend, habe, so erklärt er auf Nachfrage, gerade 1,8 Millionen Euro erzielt: "Unter 1,5 Millionen läuft hier nichts.“ "Was, so viel?“, ruft eine Dame, die angibt, "in der Nähe mehrere Häuser“ zu besitzen, aber, prollig gekleidet, nicht danach aussieht, und zückt den Taschenrechner: "Der Quadratmeter kostet hier 625 Euro, das macht bei achthundert Quadratmetern eine halbe Million.“ Als der Anwalt um 16 Uhr die Tür schließt, steht nur ein Name auf der Interessentenliste. "Sie können ja anrufen.“
"Träume von Burgen und Schlössern"
Die Geschichte des Vororts beginnt 1845 auf der kleinen Anhöhe im Südosten, wo die Gemeinde Rondorf ihren Galgenberg hatte und sich die Aussicht bis ins Siebengebirge öffnet. Der Kölner Kaufmann Paul Joseph Hagen ließ sich ein stattliches Wohnhaus hier bauen, das er "Marienburg“ nannte, doch nach Grundstücksspekulationen vier Jahre später verkaufen musste: an das Bankhaus Salomon Oppenheim, das es von einem Pächter bewirtschaften ließ. Als es 1869 dem Fabrikanten Ernst Leybold auffiel, stand es "inmitten eines alten Parks, der aber ungepflegt und verwildert dalag“. So hielt es seine Tochter Minna 1931 fest: "Dies ist die schönste noch von Industrie unberührte Stelle der nahen Umgebung Kölns, hier sollte eine freundliche Villenvorstadt den in der engen Festung zusammengedrängten Menschen Luft, Licht und ländliche Freuden bringen, ohne sie von ihrem Zusammenhang mit der Stadt zu trennen.“
Leybold erwarb die Marienburg als Wohnsitz und die Ländereien, um nach englischem Vorbild eine Gartenstadt mit geschwungenen, baumbestandenen Straßen anzulegen. Die ersten Villen wurden, noch im späten Klassizismus, am Rheinufer errichtet, ehe sich die Stilvielfalt des Historismus durchsetzte. Werksteinfassaden mit Fachwerkgiebel fanden Zuspruch, vor allem aber Landschaftsvillen und Palais, "old fashioned“ im englischen Stil und mit "natürlich gewachsenem“ Park. "Träume von Burgen und Schlössern“ überschreibt der Bauhistoriker Wolfram Hagspiel das opulenteste Kapitel seines Prachtbands "Marienburg“ (Köln, 2007), der den Stadtteil im Wandel der Architektur zeigt: über Jugendstil und Deutschen Werkbund, die expressionistisch angehauchten 1920er und den Konservatismus der 1930er Jahre bis zum Modernen Bauen.
Namenlose Klingelschilder
Ganz unbeschadet hat die Villenkolonie den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Dabei macht sie danach eine Karriere als Neben-Diplomatenviertel der Bundeshauptstadt Bonn. Polen hatte, in einer der prächtigsten Liegenschaften, seine Botschaft, die der Berlin-Umzug zum Generalkonsulat degradierte, die Gesandten der Schweiz, Brasiliens und des Irans ihre Residenzen. Doch vor dem Abriss auch erstklassiger Villen – so wurden drei dem Neubau des Deutschen Städtetags geopfert – war die Marienburg so wenig sicher wie vor Apartmenthäusern, die in einige Gärten gesetzt wurden: Eingriffe, die dem Viertel etwas von seiner Exklusivität nahmen und seit den 1980er Jahren von der Denkmalpflege unterbunden werden. Heute stehen mehr als einhundert Gebäude unter Schutz.
Namen finden sich selten auf den Klingelschildern. Neben der Denkmalplakette hängt oft "Securitas“. Den Sicherheitsdienst haben viele, aber nicht alle Anwohner engagiert, und einer der Wachmänner erklärt auch sofort, dass sie das ja viel günstiger komme als persönliche Leibwächter, die es hier auch gebe. "Viele Kollegen arbeiten in Zivil, das sehen Sie gar nicht“, behauptet er und lässt an der Effizienz der Firma keinen Zweifel: "Wir kennen hier alle, das Personal, die Lieferanten, die Briefträger, und einen wie Sie, der hier zu Fuß unterwegs ist, sehen wir uns genauer an.“ Die Sicherheit sei größer als im Hahnwald, dem jüngeren Villenviertel weiter südlich, wo Stefan Raab neben Gerhard Richter residiert: "Es gibt hier noch aktive Nachbarschaft.“
Tina Turner, Harald Schmidt und Klaus Zumwinkel
Aber kann die bei Grundstücken von bis zu zehntausend Quadratmetern den Überblick behalten? Industrielle, Bankiers, Fabrikanten, Wirtschaftskapitäne, hohe Militärs, der Architekt Dominikus Böhm, der sich 1930 eine weiße Villa baute, Freiberufler, Professoren und Künstler hatten und haben hier ihren Wohnsitz. Das namengebende Anwesen wurde nach dem Tod von Hans Gerling, dessen Vater es 1922 für 42 Millionen Mark erworben hatte, zum Bildungszentrum des Konzerns umgewidmet. Eine junge Mutter, die den Kinderwagen vorbeischiebt und hier aufgewachsen ist, erinnert sich: "Da wurden wir immer zum Martinsfest eingeladen und von Kellnern mit weißen Handschuhen bedient.“
Bundespräsident Scheel und Tina Turner residierten auf der Marienburg, Harald Schmidt und Klaus Zumwinkel wohnen hier, die Familien der Oppenheim-Dynastie und auch jener Vorstandschef, dessen Gehaltszahlung für sechs Monate die Kanzlerin "unanständig“ nannte. Hinter mancher Fassade muss sich in den letzten Wochen Dramatisches abgespielt haben: so, als die Chefs von Oppenheim so waghalsig spekulierten, dass sie Europas größte Privatbank nach 220 Jahren um ihre Unabhängigkeit brachten.
Altes Geld
Nach Leybold heißt eine Straße auf der Marienburg. Auch "seine“ Immobilienfirma gibt es noch. Ihr Eigentümer ist Josef Böing, der den Markt genau im Blick hat: "Auf der Marienburg bleiben bei geringen Bewegungen die Preise stabil.“ Zwar gebe es auch Blender, die mit der Adresse dokumentieren wollten, dass sie dazugehören, doch "in der Mehrzahl wohnen hier solide, betuchte Leute. In der Finanzkrise wurden sie etwas weniger reich, blieben es aber, weil sie es schon über Generationen hinweg sind.“
Altes Geld. Der Mitarbeiter von "Securitas“, der "heute früh um sieben“ schon zwei Prominente ("hohe Tiere aus Politik und Sport, aber die Namen sag’ ich nicht“) beim Joggen gesehen haben will, sagt es auf seine Weise: "Da wurde so manches Tränchen verdrückt, aber so weit, dass hier jemand seinen zweiten Porsche verkaufen muss, so weit ist es noch nicht.“
F.A.Z.
Hans-Georg Esch
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