Expat
Schweizer Saubermänner
Von Jürgen DunschDie Verkehrsbetriebe Zürich haben kapituliert: Sie finden es billiger, verschmutzte Bahn-Böden zu säubern als Mülleimer vorzuhalten
05. November 2009
Die Schweizer sind bekannt für ihre Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin. Nach den Zugankünften kann man immer noch ziemlich sicher die Uhr stellen. Die Polizei ahndet selbst kleinste Geschwindigkeitsübertretungen unnachsichtig, mitunter kontrolliert sie zusätzlich, ob die Autofahrer vor Zebrastreifen mit Schulanfängern tatsächlich anhalten und nicht nur langsam darauf zurollen. Altpapier wird nicht einfach in eine Tonne geworfen, sondern sauber geschnürt für die monatliche Abfuhr bereitgestellt - "verpackt wie ein Geschenk", wie hierzu jüngst eine Gemeinde formulierte.
Vor diesem Hintergrund wird die Schockwelle verständlich, die durch den Kanton Zürich rollte, als der Verkehrsverbund ankündigte, in den neuen S-Bahn-Zügen auf Abfallkübel an den Sitzen der zweiten Klasse zu verzichten. "Mehr Beinfreiheit durch den Verzicht auf die Abfallbehälter" lautet die Formel, mit der die beiden Verkehrsbetriebe ihren Plan der Öffentlichkeit schmackhaft machen wollen. Das Argument überzeugt nur einen Teil der Kunden. Die Tatsache, dass die kübelfreien Bahnen erst für 2012 geplant sind, stellt nur einen geringen Trost dar. Schon jetzt liegen in den Züricher S-Bahnen vormittags überall die Gratiszeitungen herum, mit denen die Schweizer ihr gerne gepflegtes Image von Sauberkeit Lügen strafen.
Der nun schwelende Abfallstreit ist Teil einer Plage, die sich in vielen Ländern ausbreitet: die wachsende Verschmutzung öffentlicher Räume. Viele Schweizer Gemeinden versuchen es mit mehr Regulierung. Die Verkehrsbetriebe in Basel haben ein Essverbot in den Straßenbahnen und Bussen ausgesprochen. Wer dagegen verstößt, zahlt umgerechnet knapp 15 Euro als "Unkostenbeitrag" für die Reinigung. Zwei Gemeinden in den Kantonen Zürich und St. Gallen haben ein öffentliches Spuckverbot verhängt. Anderen sticht der nächtliche Radau von Jugendlichen ins Auge. Prompt haben sie Ausgehverbote erlassen. Meist zeigen solche Erlasse nur begrenzte Wirkung, zum Teil werden sie auch von den Gerichten gekippt.
Die Züricher Verkehrsbetriebe haben kapituliert. Sie sagen, es sei billiger, die ohnehin verschmutzten Zugböden mit dem Zusatzmüll zu reinigen als zusätzlich die Abfallkörbe. Wenn sie dabei nur nicht die Wünsche vieler ihrer Fahrgäste aus dem Blick verlieren, die saubere Bahnen schätzen. Gerade Zürich hat schon Lehrgeld bezahlen müssen. Vor einigen Jahren schränkte die Stadt die Zahl ihrer Abfallbehälter am See massiv ein. Aber die Hoffnung auf weniger Dreck erfüllte sich nicht. Er lag stattdessen wild herum und vermehrte sich sogar getreu der alten Wahrheit: Müll zieht Müll an.
F.A.Z.
Julia Zimmermann / F.A.Z.
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