Logo
Feuilleton >
- Anzeige -
„Stromberg“ in der Provinz
An einem Ort, der das Ende im Namen trägt
Von Jörg Thomann
Erfolgreich ist anders: Stromberg vor seinem Büro in Finsdorf
 
03. November 2009
Bernd Stromberg, der von Christoph Maria Herbst gespielte leitende Angestellte der Capitol-Versicherung, ist intrigant, inkompetent, faul, aufgeblasen, opportunistisch, geschwätzig, schmierig, vulgär, chauvinistisch und emotional überaus unintelligent. Wo viele andere Serienfiguren im deutschen Fernsehen nur eine, höchstens zwei Charaktereigenschaften aufweisen, ist das eine ganze Menge. Vermutlich rührt daher Strombergs Beliebtheit bei einer feinen, treuen Fangemeinde, die zwar nicht für fette Fernsehquoten, aber für einen vergleichsweise hohen DVD-Absatz gesorgt hat: Bei aller satirischen Überzeichnung wirkt die Figur so menschlich, dass jeder deutsche Bürogänger Züge seines Chefs, seiner Kollegen oder auch, wenn er ehrlich ist, seiner selbst wiedererkennen kann.
Nach oben
Im Laufe der bisher drei Staffeln hat Stromberg-Schöpfer Ralf Husmann manch dramaturgischen Spagat hinlegen müssen. Einerseits ist ein Mann wie Stromberg für jede Firma eigentlich untragbar, und das Publikum will sehen, wie er sich blamiert und scheitert. Zu tief jedoch darf der Sturz nie sein, weil die Figur all ihre Facetten nur auf einer gewissen hierarchischen Ebene entfalten kann. So muss der strafversetzte Stromberg zwischenzeitlich zwar in die Keller des Archivs abtauchen, bekommt aber gleich wieder einen Rettungsring hingeworfen. In der nun mit einer Doppelfolge startenden vierten "Stromberg"-Staffel landet der Antiheld der deutschen Büroarbeit wieder auf einer neuen Stelle - und zwar erstmals auf einer, für die sogar er überqualifiziert ist. Mit einem Mal wird Stromberg, in seinem Betrieb bislang die fleischgewordene Konjunkturbremse, zum Wachstumsmotor, zu einem Chef, der sich müht und sein Team zu führen sucht. Der Haken dabei: Der Job ist in Finsdorf.
Nach oben
Die Abgründe des Flachlands
Wie es dort ausschaut, zeigt die Internet-Seite www.finsdorf.de: ein Blick in die tiefsten Abgründe des Flachlands. Das Dorfwappen des "Juwels der Heide" zieren die Kühltürme des ortseigenen Atomkraftwerks. In der "Scheune 2" lädt man zum Feuerwehr-Ball ("Getanzt wird, bis die Socken qualmen, gelöscht wird dann mit Bier!"). Die empfohlene Wanderroute dauert zwanzig Minuten (einmal Akw und zurück). Mit viel Liebe zum fiesen Detail haben die Pro-Sieben-Programmierer ein Potemkisches Dorf ins Netz gesetzt, die virtuelle Fassade eines fiktiven Provinznests, mit verwackelten Fotos, verrutschter Grafik und authentisch anmutenden Grammatikfehlern. So in der Spalte "News & Neuigkeiten": "Die Gemeinde Finsdorf, freut sich bekannt zu geben, die Freude über zwei neue, zugezogene Einwohner." Der eine, Landwirt Heinz Eberhard Plüfke ("Viel Erfolg mit den Kühen!"), ist ein Rückkehrer aus der Stadt. Der andere ist Bernd Stromberg.
Nach oben
Fast schon befördert, hat Stromberg sich wieder mal selbst ein Bein gestellt und ist aufgeschlagen in dem Ort, der das Ende schon im Namen trägt - das der Welt, wie Stromberg sie kannte, und womöglich das seiner Karriere. Zwei Mitarbeiter sind ihm unterstellt, ein schlicht gestrickter Jüngling und eine ältere Dame, seit zehn Jahren in Deutschland, aber, wie Stromberg es ausdrückt, "eben Polen". Die Landverschickung liefert ihm ungewohnte Momente der Selbsterkenntnis. Sie fallen bitter aus: Er ist ein Fremdkörper, ein Mann auf verlorenem Posten. Mehr denn je lässt uns der gewohnt brillante Herbst durch die hässliche Fratze in die gequälte Seele Strombergs schauen, mehr denn je gerät man in Versuchung, mit ihm Mitleid zu empfinden (siehe auch: Christoph Maria Herbst im Interview).
Nach oben
Auch an dessen alter Wirkungsstätte geht das Büroleben weiter - und, wer hätte das gedacht, nichts wird besser. Die Gutmütigkeit von Strombergs Nachfolgerin Tanja (Diana Staehly) wird gnadenlos ausgenutzt, allen voran von ihrem Freund Ulf. Ganz arg trifft es den Außenseiter Ernie (Bjarne I. Mädel), der nach dem Tod seiner Mutter der Depression verfällt: ein Thema, an das sich das fiktionale Fernsehen nur selten herantraut. "Stromberg" wagt auch das. Sollten noch ein paar Zuschauer verblieben sein, die die Serie mit purer Comedy verwechseln und sie nur über die dummdreisten Sprüche der Titelfigur rezipieren, diese neuen Folgen dürften für sie zum Rausschmeißer werden. Schon am Freitag erscheint das DVD-Paket mit der kompletten vierten Staffel im Handel: Anzeichen dafür, dass die Serie sich von dem Medium, in das sie so richtig nie hineingepasst hat, emanzipiert. Eine Fortsetzung, hat Christoph Maria Herbst gesagt, könne er sich am ehesten im Kino vorstellen.
Nach oben
 
F.A.Z.
Pro Sieben
 
Zum Thema
Christoph Maria Herbst im Interview: "Nennen Sie mich Schauspieler" >
Der schlimmste Chef aller Zeiten: "Stromberg" geht weiter >
Grimme-Preis für "Stromberg" >
Comedy: Die neue Staffel von "Switch Reloaded" (Pro Sieben) >
Die Produktionsfirma Brainpool und ihr Comedy-Clan >
Lachen Sie doch über etwas anderes! >
 
Zum Ressort >
Weitere Themen
Homepage >, Politik >, Wirtschaft >, Sport >, Gesellschaft >, Finanzen >, Reise >, Wissen >, Auto >, Computer >, Beruf & Chance >, Kunstmarkt >, Immobilien >, Rhein-Main-Zeitung >
© F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001-2009