Stuttgarter „Rosenkavalier“
Hin und her und rundherum
Von Julia SpinolaZur Europa überhöht: Christiane Ivens Feldmarschallin
03. November 2009
Alles beginnt im All. Keineswegs mit Richard Strauss, sondern mit einer elektronisch surrenden Sphärenmusik, die sich atmosphärisch mit dem die Bühne überwölbenden, funkelnden Sternenhimmel verbindet, den Rebecca Ringst als Kulisse für die Stuttgarter Staatsoper entworfen hat. Nebel wallen, die Erdscheibe dreht sich, und die Marschallin Fürstin Werdenberg sitzt sinnierend an ihrem Schminktischchen. Zur stürmischen Eröffnungsfanfare der Hörner erhebt sie plötzlich die Faust, zerschmettert ihren Spiegel und eröffnet damit den Zugang in eine Welt schriller Projektionen. Aus einem barockisierenden Gemälde im Stile Hans Makarts krabbeln Fabelwesen heraus, allen voran eine Horde wollüstiger Satyrgestalten, die sich auf die Marschallin stürzen. Während die Musik des Vorspiels im Strauss’schen Elan der immer neuen euphorischen Aufgipfelungen sich unentwegt selber zu überbieten scheint, kommt es zum Kampf. Auf dem Höhepunkt schwebt im letzten Moment vom Himmel rettend Octavian herab: ein lichter Rokoko-Apoll, der mit seinem zierlichen Schwert fürs Erste schnell die bösen Faune verjagt.
Der "Rosenkavalier“ ist ein geniales Machwerk, das sich Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nostalgisch zusammenphantasiert haben aus Erinnerungen an Mozart, an ein idealisiertes Wien des achtzehnten Jahrhunderts und allerlei Mythologie. Stefan Herheim, der Bilderstürmer unter den jungen Regisseuren, auf den man seit seiner Bayreuther "Parsifal“-Inszenierung (siehe auch: Im schwarzen Loch der Verführung) große Hoffnungen setzt, hat seinen Gegenstand gefunden. Welches Werk, wenn nicht dieses, würde eine solchermaßen überbordende, ja bisweilen bodenlos wirkende Phantasie, wie sie Herheim besitzt, besser rechtfertigen? Unauflösbar erscheinen im "Rosenkavalier“ avantgardistische und reaktionäre Momente verschränkt. Surreale Montage- und Zitattechniken beschwören ein idealisiertes Lokalkolorit ebenso hervor, wie sie es dekonstruieren. In ähnlichem Sinne treibt die rauschhaft und in immer neuen Facetten imaginierte Walzerseligkeit, die das ganze Werk zusammenhält und von der sich die Musik knappe vier Stunden lang wie von einer Droge nicht lösen kann, eine explosive, hochdissonante und kühne Orchesterpolyphonie aus sich hervor.
Das Staatsorchester spielt fabelhaft präzise
Von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal zusammenphantasiert: „Der Rosenkavalier“
Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Manfred Honeck entfesselt die ungeheure Sprengkraft dieser oft verzuckert und verkitscht interpretierten Musik mit dem fabelhaft präzise spielenden Staatsorchester sehr prägnant und voller Verve bis in die – durchaus in der Partitur vorgesehenen – Grenzbereiche des Chaotischen hinein. So stürmisch, schräg, gleißend und irrwitzig hat man das Stück noch selten gehört. Wer spukt hier nicht alles durch die drei Akte? Eulenspiegel treibt seine Streiche, Elektras Hysterie bringt die Harmonien zum Knirschen, und der Baron Ochs auf Lerchenau wütet mit seiner "schönen Musi“, als wolle er sich im Dreiertakt brachial die ganze Welt unterwerfen.
Hier und da wirft die ästhetizistische Rokokokunstfigur des Rosenkavaliers Octavian, einer gleichsam übergeschlechtlich konzipierten Hosenrolle, ein pastellfarbenes, nur aus synthetischen Aromastoffen bestehendes Bonbon ins Geschehen. Hier versteht es Honeck auch, den ansonsten scharf zugespitzten Klang angemessen aufblühen zu lassen. Wenn man von den musikalischen Oasen des Verdämmerns – jenen plötzlichen Stillständen, wenn die Musik dieser um die Vergänglichkeit kreisenden Oper jäh den Atem anzuhalten und sich für Augenblicke der Utopie einer Überwindung der Zeit zu nähern scheint – an diesem Abend weniger wahrnimmt, so liegt das auch an der Hyperaktivität und an den permanenten Mutationen der Herheimschen Szenerien.
Unter den Röcken der Übermutter
Lichtblick: das lupenreine, leuchtende Soprantimbre der Sophie von Mojca Erdmann
Schnell wird klar, dass das auratisch leuchtende, die Bühne überwölbende Himmelszelt nichts anderes ist als der große, dunkelblaue Reif des ausladenden Kleides der Marschallin. Das gesamte Panoptikum, das sich im Laufe der drei Akte entfaltet: mit den als Lerchenauer wiederkehrenden Satyrn, dem als Gockel auftretenden Herrn von Faninal, dem als Motte und Käfer agierenden Intrigantenpaar Annina und Valzacchi, mit Pudeln und Katzen und einem erhaben über die Bühne stolzierenden Richard-Strauss-Vogel – all dies also spielt sich unter den Röcken jener Übermutter ab, die im Verlauf des Abends noch zur Regentin, zur Venus und zur Europa überhöht werden wird. Zur regressiven, immer leicht schlüpfrigen und sentimentalen Wiener Vergangenheitssehnsucht passt dieses Bild nicht schlecht. Immer wieder tappen die Protagonisten selber in die von Strauss und Hofmannsthal ausgelegten Rührseligkeitsfallen und reichen sich gegenseitig riesige Taschentücher, in die sie theatralisch hineinweinen, weil’s alles gar so schön ist. Gesine Völlms Kostüme spielen ebenso wie das Bühnenbild, das die Unterrockthematik raffiniert mit den wandelnden Perspektiven eines Wiener Palais verbindet, auf die von Alfred Roller für Uraufführung geschaffene Rokoko-Dekoration an.
Das wird alles prächtig gespielt, jedoch leider nicht immer ebenso prächtig gesungen. Christiane Iven bemüht sich mit wenig wohlklingendem, vibratoreichem Sopran um eine differenzierte Phrasierung als Marschallin. Marina Prudenskaja ist ein durchdringend strahlender, bisweilen aber unangenehmen schneidend klingender Octavian, und Lars Woldt gibt einen solide intonierenden Ochs. Stimmlicher Lichtblick ist das lupenreine, leuchtende Soprantimbre der Sophie von Mojca Erdmann. Die höchst unterhaltsame Überfülle der Aufführung scheint aus dem Stück heraus motiviert. Die Inszenierung zeigt, was das Stück macht. Wenn das Werk am Ende rätselhafter wirkt denn je, weil Herheim dem Betrachter keinen Schlüssel aushändigt, sagt auch das etwas über das Werk.
F.A.Z.
Martin Sigmund
Zum Thema
Weitere Themen
Homepage >, Politik >, Wirtschaft >, Sport >, Gesellschaft >, Finanzen >, Reise >, Wissen >, Auto >, Computer >, Beruf & Chance >, Kunstmarkt >, Immobilien >, Rhein-Main-Zeitung >








