Sport-Kommentar
Das deutsche Tennis – besser als sein Ruf
Von Peter PendersDer aufschwung hat einen Namen: Tommy Haas
02. Juli 2009
Vermutlich war es das große Pech ihrer Karriere, dass ihre Vorgänger die Latte einfach sehr hoch gelegt hatten, höher vermutlich als in jedem anderen Land. Denn bevor Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Szene betraten, hatte Tennis in Deutschland wenig öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Hier und da die Zusammenfassung eines Grand-Slam-Finales, das war es schon. Fast schon skurril wirkt heutzutage beispielsweise die Fernsehübertragung des ersten Wimbledon-Finales von Boris Becker aus dem Jahre 1985, in der ein Reporter der Nation die Tennisbegriffe näherbringt.
So gesehen, konnten Tommy Haas, Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer nur scheitern bei dem Versuch, in diese großen Fußstapfen zu treten. Aber, seien wir ehrlich, erwartet hat es trotzdem jeder, und als die großen Erfolge ausblieben, war das Urteil der von Siegen im Davis Cup und Grand-Slam-Triumphen verwöhnten Nation knallhart. Das Interesse sank, als der Hype ging. Wandten sich zuerst das öffentlich-rechtliche und dann das private Fernsehen ab oder zuerst der Zuschauer? Schwierig zu klären, aber Tennis, einst auf Händen getragen, verschwand im freien Fall aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Der Vergleich mit der großen Zeit walzt jeden Erfolg platt
So schlecht, wie es gemacht wird, ist das deutsche Tennis dabei nicht, und das hat nicht einmal etwas mit dem Einzug eines groß aufspielenden Haas ins Wimbledon-Halbfinale oder der Viertelfinal-Teilnahme von Sabine Lisicki zu tun. Die Herren sind mit sechs Spielern unter den besten fünfzig oder acht unter den besten sechzig so breit aufgestellt wie seit langem nicht mehr. Die Damen haben zumindest mit Sabine Lisicki eine, die bald zu den besten zwanzig Spielerinnen der Welt gehört und mit 19 Jahren immer noch am Anfang ihrer Laufbahn steht.
Der Vergleich mit der großen Zeit im deutschen Tennis walzt aber jeden aktuellen Erfolg platt. "Welche Nation aber hat schon Spieler wie Boris Becker oder Steffi Graf vorzuweisen – davon gab es ja nicht so viele in der Geschichte“, fragte Tommy Haas nun in Wimbledon zu Recht. Für einen kurzen Moment flackert in Deutschland immer das Interesse auf, wenn einer aus dieser verlorenen Generation für Aufsehen bei einem Grand-Slam-Turnier sorgt, wie etwa Rainer Schüttler mit seinem Wimbledon-Halbfinale im vergangenen Jahr und dem Finaleinzug in Melbourne 2003, oder Haas mit seinen drei Halbfinalteilnahmen in Australien und nun dem Semifinale gegen Federer in Wimbledon. Aber es erlischt sofort wieder, weil die letzten deutschen Grand-Slam-Sieger immer noch Graf und Becker heißen.
Der Blick über den Zaun würde bei der Einordnung helfen. Frankreich, wegen seiner Nachwuchsförderung gerühmt, wartet seit 1983 (Yannick Noah) auf einen Grand-Slam-Sieger, England seit 1937 (Fred Perry) auf einen britischen Wimbledon-Triumphator. Australien hat noch einen Akteur unter den besten hundert Spielern der Weltrangliste, und in den Vereinigten Staaten klafft eine riesige Lücke hinter den beiden dominierenden Williams-Schwestern. Es war und ist nicht alles schlecht im deutschen Tennis – aber wer den Goldrausch miterlebt hat, wartet eben auf die nächste Bonanza.
F.A.Z.
AFP
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