Tokio Motor Show
Geträumt wird vom Duft der Beschleunigung
Von Michael Kirchberger und Wolfgang PetersMazda Kiyora, fast körperloser Prototyp zum Sparen
26. Oktober 2009
Kinder an die Macht: Wie ihre Welt des Autos aussieht oder aussehen sollte, das haben japanische Kinder auf Hunderten Zeichnungen oder Aquarellen umgesetzt. Die kleinen Kunststücke sind auf einer großzügig dimensionierten Fläche der 41. Tokio Motor Show versammelt. Sie zeigen schnittige oder kastenförmige Fahrzeuge, die Blüten an die Umwelt abgeben und durch grüne Landschaften rollen. Viele dieser Kinderautos müssen nicht fahren, sie erheben sich vogelgleich in die Lüfte. Damit haben Hunderte von Kindern in etwa die Themen dieser einst weltgrößten Autoausstellung beschrieben: Die japanischen Autohersteller wollen freundliche und gleichzeitig Fahrspaß vermittelnde Vehikel offerieren, die mit immer weniger Energie immer weiter fahren und Menschen und Umwelt vor ihren Nachteilen verschonen. Der Unterschied zwischen Kindervorstellung und Realfahrzeugen ist reduziert: Nur fliegen können diese nicht.
Die noch bis zum 4. November geöffnete Autoschau auf dem Makuhari-Messegelände muss gleich mit mehreren negativen Vorzeichen leben: Das Interesse der japanischen Jugendlichen an einem neuen Auto ist so gering wie selten zuvor; die Wirtschaftskrise hinterlässt bei Verkäufen und Investitionsprogrammen deutliche Bremsspuren; unter dem Eindruck wegbrechender Absatzzahlen wurden bei allen acht japanischen Autoherstellern die Budgets für die Schau heruntergefahren; gleichzeitig haben fast alle nichtjapanischen Autohersteller (zum Beispiel aus Deutschland und aus Korea) ihre Teilnahme an der Messe rigoros abgesagt. Eine Maßnahme, die nicht zum Dauerzustand werden darf, sonst sinkt die Tokio-Messe auf das Niveau einer Regionalveranstaltung. Zur Gänze unrealistisch ist das nicht: Während sich der japanische Markt der Sättigungsgrenze nähert, wird China immer hungriger.
Abwesenheit der deutschen Marken als Chance
Daihatsu Basket mit Henkel und frugalen Formen
Wer nun geglaubt hatte, japanische Marken würden die Abwesenheit der deutschen Marken als Chance nutzen und sich umso lautstärker und glaubhafter mit schlüssigen und schnell zu verwirklichenden Eigenentwicklungen für die Mobilität von morgen zu Wort melden, der musste sich getäuscht sehen. Weitgehend lustlos wird in Tokio eine Art von Pflichtprogramm abgespielt, das von einigen neuen Modellen zum Fahren in der realen Welt bis zu den noch von der Frankfurter IAA her bekannten Projekt-Fahrzeugen führt. Im Vergleich zu der meist eher tristen Vorstellung der großen Japan-Konzerne waren die Kinderbilder beinahe interessanter und bunter.
Wobei für den dominierenden Toyota-Konzern eine Pole-Position zu vermelden ist. Und dabei geht es nicht nur um die Größe. Der Konzern demonstriert mit seinen Marken Toyota, Lexus und Daihatsu eine Strategie der Polarisierung: Einerseits setzt man wie fast alle Japan-Marken (Ausnahme: Mazda) auf die recht kühl präsentierten Umwelt-Modelle, die entweder mit Hybrid- oder mit Elektroantrieb fahren. Andererseits wissen die keineswegs blutleeren Manager aber auch die Menschen mit ihrer Hightech-Verliebtheit und ihrem Bewusstsein für außergewöhnliche Autos zu begeistern. Wenn auf dem weitläufig angelegten Toyota-Stand über die Bildschirme der neue Hypersportwagen LFA, ein artifiziell-sinnliches Wesen aus Karbon, Kraft und Krach, flimmert, dann leuchten die Augen der japanischen Besucher auf. Gekauft werden in steigenden Zahlen die Hybridautos, geträumt werden darf noch vom Duft der brüllenden Beschleunigung.
Aber die Kleinen scheinen schon auf dem richtigen Weg
Suzuki Kizashi
Auf dem Weg in die Zukunft werden die größeren Autos (neuer Nissan Fuga, kommt als Infiti nach Europa, oder der Toyota Sai, quasi die Stufenheckvariante des Prius, mit Hybridantrieb und starkem 2,4-Liter-Vierzylinder-Otto plus E-Aggregat) nicht vergessen. Aber die Kleinen scheinen schon auf dem richtigen Weg: Das demonstriert die Toyota-Tochter Daihatsu mit etlichen Kompaktmodellen und Studien, der ES (Electric Smart) ist elektrifizierte Kurzware, und bei Subaru stromert der Stadtwagen EV-Zero herum. Begleitet wird er von einem eher konventionellen Konzeptauto, das mit formalen Anleihen beim Serien-Legacy eine wuchtige Figur macht und mit Flügeltüren prunkt. Nissan tritt ähnlich selbstbewusst auf wie Toyota. Offenbar hat Konzernchef Carlos Ghosn einen fulminanteren Auftritt verordnet, und neben etlichen vergleichsweise konventionellen Modellen fährt der Nissan Land Glider direkt aus den Archiven des Messerschmitt-Kabinenroller-Herstellers auf den Nissan-Stand: Er legt sich für seine Duo-Besatzung schnittig in die Kurven und will mit Traumwerten beim Verbrauch aufwarten.
Eher auf Technik als auf Trompetenstöße setzen Honda und Mazda. Wobei Honda rigoros an seiner Präsentation gespart hat: Pappe mit Aufschriften statt High-Tech-Bildschirme demonstrieren die neue Bescheidenheit. Der Civic wird in Tokio als Hybridmodell gezeigt und firmiert noch als Concepcar. Nostalgisch kommt der EV-N, ein Kleinwagen im Stil des einstigen Honda N400. Bei Mazda geht man mit E-Antrieben und Hybriden zurückhaltend um und setzt auf Optimierung von Otto- und Dieselmotoren sowie auf engagierten Leichtbau. Der Kiyora ist eine bereits in Europa präsentierte Studie, die dank geringen Gewichts mit 3,1 Litern Kraftstoff auf 100 km auskommen soll. Unter der Überschrift "SKY Konzept" kündigt Mazda jene Technologien an, mit denen die Marke bis 2015 ihren Kraftstoffverbrauch im Vergleich zur 2008er-Flotte um 30 Prozent (!) verringern will. Mal sehen, wie dann die Kinder mit den Autos umgehen.
F.A.S.
kirchberger
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