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Der Verteiler
Mittwochmorgen in Berlin-Neukölln. Ein kleiner Transporter streift durch die Straßen. Wo immer er hält, wird er erwartet. Der Fahrer steigt aus und öffnet die Tür zur Ladefläche, auf der sich paketweise die Werbeprospekte der Discounter stapeln. Er reicht den Wartenden, Männer und Frauen im mittleren Alter, Schubkarren aus dem Wagen und teilt die Werbung aus. Hundert Prospekte pro Paket, fünf Pakete pro Karre. Fünfhundert Briefkästen, die zu füllen sind. Neukölln gehört zu den armen Stadtteilen Berlins. Es gibt hier Straßenzüge, in denen niemand mehr eine Zeitung liest außer kostenlosen Wochenblättern, aber die Leute sich beschweren, wenn sie ihre Werbeprospekte einmal nicht bekommen haben. Sie warten auf Sonderangebote. Die Männer und Frauen schnallen die Pakete mit Gummibändern fest und nehmen ihre Straßenpläne. So schwärmen sie aus ins Viertel. Wenn sie schnell sind, können sie die Arbeit in fünf Stunden schaffen. Sind sie langsamer, ist das ihr Problem. Sie erhalten immer nur 25 Euro pro Tag. Der Fahrer ist achtundvierzig Jahre alt, wasserblaue Augen, grauer Bart, goldene Kette um den Hals. Er hat bei der Reichsbahn der DDR Transportarbeiter gelernt, nach der Wende seinen Job verloren, ist nach Berlin gegangen, hat Wohnungen aufgelöst, Dächer gedeckt, gemalert. Seine letzte feste Stelle war die eines Kurierfahrers, das ist zehn Jahre her. Seitdem ist er das, was früher Tagelöhner hieß. Er bekommt vierhundert Euro monatlich, aber weil er von Hartz IV lebt, zieht ihm das Amt dreihundert ab. Eigentlich arbeitet er, damit er nicht jeden Tag zu Hause sitzt und Computer spielt. Die fünf Stunden aber, in denen er die Prospekte verteilt haben will, schafft er nur, wenn er mit einem Plastikstreifen die Türen der Häuser öffnet, deren Briefkästen innen liegen. An diesem Tag verteilt er Prospekte zweier Möbeldiscounter, sonst sind es Textildiscounter oder Lebensmitteldiscounter. Läden, in denen er selbst auch einkauft, mit dem Geld, das er vom Staat bekommt und dem, was er bei einer Arbeit verdient, die noch schlechter bezahlt wäre, beginge er nicht Hausfriedensbruch. Das ist der Eintritt in die neue Welt der Discounter, die mit jedem Tag wächst, den das Land tiefer in die Krise rutscht und die es verändert haben wird, wenn es aus der Krise herauskommt. Das ist der Eintritt, und schon am Anfang bleibt das Gefühl, als falle hinter einem die Tür ins Schloss.
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Berlin-Neukölln
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